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Autor Thema: Geschichten aus Hinterindien  (Gelesen 289203 mal)

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Low

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Geschichten aus Hinterindien
« am: 11. Dezember 2008, 15:54:51 »

Die Erlebnisse hier im Dorf faszinierten mich und ich begann darüber nachzudenken. Solche Geschichten waren versteckt in meinen Erinnerungen:
„Die soziale Dynamik des Dorfes wird präzise geschildert. Gegenseitige Schuldzuschreibung, schnell vergessene Kollektivschuld und das Schicksal von Außenseitern, die von der Gemeinschaft leichtfertig zu Sündenböcken gemacht werden.
Er kämpfte gegen die Ausbeutung der Kinder aus armen Familien. Er verlangte Massnahmen gegen den Alkoholismus.
Er setzte sich für die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ein.
Seine Romane spiegeln in einem zum Teil erschreckenden Realismus das bäuerliche Leben im 19. Jahrhundert.“
Die Rede ist von Jeremias Gotthelf, Albert Bitzius. Er malte mit seinen Romanen und Erzählungen ein gewaltiges Bild des Emmentals und seiner damaligen Bewohner.

Das Emmental ist noch heute typisch für die Eigenständigkeit, Kultur und Sprache einer bodenständigen Minderheit.
Wie nah er mit den Schilderungen der Menschen über Hundertfünfzig Jahre später in Thailand kommt, ist gleichzeitig beängstigend und faszinierend.
In diesem Sinne erlaube ich mir, ein paar wahre Geschichten zu erzählen, leider ohne die Fähigkeiten eines Gotthelf, eines redegewandten Pfarrers.
Der Ort der Handlung, die Zeit, die Kommunikation und auch die Sprache wandelte sich.

Siam gehörte zur Zeit Gotthelfs geografisch zu Hinterindien. Deshalb der Titel.
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1 am: 11. Dezember 2008, 15:57:11 »

Im Schlangental

Im malerischen Schlangental, etwas oberhalb des kleinen Wasserfalls, am Elefantenhubel gibt es ein Dorf mit einer Schule. Der Lehrer, etwa 27 Lenze, verdiente nicht schlecht. Zwölf Thaler im Monat. Davon musste er sechs an Väterchen Staat zurück erstatten, weil der seine Ausbildung finanzierte. Der junge Mann lebte in bescheidenem Wohlstand und vertrug sich gut mit der Bevölkerung.
Eines Tages traf er eine 18 jährige Frau aus dem Dorf. Die lud ihn zu ihren Eltern zum Abendbrot ein. Da es im Vorratsschrank des Lehrers eher karg aussah, nahm er das Angebot gerne an.
Er grüsste freundlich, setzte sich auf den Boden zu den Andern und ass und trank, was ihm reichlich dargeboten wurde. Die Auswahl liess nicht zu wünschen übrig. Es gab roten, grünen und schwarzen Curry, Reis, verschiedene Gemüse, Fisch, Huhn, Ente. Dazu wurde Wasser, Eis und Whiskey gereicht. Während des Essens verspürte er plötzlich ein Flimmern in den Augen. Danach konnte er sich an nichts mehr erinnern.

Als er erwachte, lag er in der Schlafkammer der jungen Frau. Die Eltern polterten und lärmten ob des unschicklichen Vorfalles und holten den Gemeindeobmann. Der faselte etwas von Missbrauch der Gastfreundschaft und was man in einem solchen Falle wohl machen könnte.
Die Eltern erklärten einstimmig, dass innerhalb zwei Wochen geheiratet werden müsste. Der Lehrer, der die junge Frau weder kannte, noch liebte,
weigerte sich anfänglich standhaft. Doch der Gemeindevorstand hatte die Trumpfkarten in der Hand. Er hätte eine unwürdige Entlassung der Lehrkraft einleiten können.
So wurde man sich schnell auf den Brautpreis einig: Fünfundsiebzig Thaler in Gold für die Braut, hundert Thaler Brautpreis. Und zwei Wochen danach wer der Termin.
Der Lehrer besass kein Vermögen, nichts. Seine Eltern waren mausarm. Er musste sich die Summen rasch von Freunden leihen.
Als mir einer der Geldgeber die Geschichte erzählte, sagte ich sofort:
“Da ist etwas faul. Die Geschichte stinkt zum Himmel. Die junge Frau ist sicher schwanger!“
Der Lehrer war bereit, den geliehenen Betrag meinem Informanten am Tage nach der Hochzeit zurück zu zahlen, denn dieser besass selbst bloss die ausgeliehenen zehn Thaler. Er lebte mit einer Frau zusammen, die er liebte und bald heiraten wollte.
Anlässlich der Rückzahlung erzählte der Lehrer, dass ihm die Frau in der Nacht weinend gestand, dass sie im zweiten, vielleicht dritten Monat schwanger sei.
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Profuuu

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #2 am: 11. Dezember 2008, 17:20:26 »

hallo Low,

interessant. Was ist die Grundlage deiner Geschichten? Ich hoffe, da kommen noch mehr....
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #3 am: 11. Dezember 2008, 17:55:43 »

Damit ich mein Deutsch nicht verlerne, schreibe ich seit 8 Jahren jeden Monat einen Bericht. In diesem Material stecken noch viele selbst erlebte Geschichten. Vielleicht sind einige davon geeignet, vom Frust mit dem Gastland abzulenken.
Ich denke, dass einige Leute sogar im heutigen im Emmental auf den Boden der Realität zurück geholt und erfahren würden „wo Bartli den Most holt.“

Darfst also hoffen Profuuu, und stoppen, wenn’s langweilig oder penibel wird.
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: Wild Ost
« Antwort #4 am: 11. Dezember 2008, 18:21:15 »

Wild Ost

Der Vater pumpte Wasser aus seinem Teich, um Mais anzubauen. Die verbleibenden Fische, meist Welse und Ale, wollte er verkaufen.
Die Tochter Tom beobachtete, wie Diebe (Nachbarn) die Fische stahlen. Sie stellte sie zur Rede. Die Saubande gab zur Antwort, der alte Mann sterbe sowieso bald, der brauche keine Fische mehr. Dann fielen sie über sie her. Sie lästerten, sie hätte seit längerer Zeit keinen Mann gehabt, deshalb sei sie wirr im Kopf. Sie drohten, sie zu vergewaltigen.
Sie rannte in Haus, ergriff eine alte Schrotflinte, schoss über die Köpfe der feigen Angreifer und verscheuchte die Bande.
Die bestahlen seit Jahren die Farm regelmässig und versorgten sich gratis mit Hühnern, Schweinen und Sackweise Reis. Sie waren selbst zu faul um auf ihrem Land etwas anzubauen. Stehlen war einträglicher und müheloser als arbeiten.
Die vertriebenen Gauner besuchten darauf den Dorfvorstand. Sie wollten Geld von Tom, wegen dem Schuss. Der Dorfvorstand gab den Dieben recht und verknurrte Tom zu einer Geldstrafe. Wahrscheinlich wollten die Kerle teilen.
Weil Tom kein Geld besass, versuchten die Missetäter einen Onkel zu erpressen. Als der kein Geld herausrückte, zogen sie zur Mutter und verlangten vergeblich Zaster. Sie hatten Glück, dass sie nicht von den anwesenden Bauarbeitern verprügelt wurden, denn die liebten Tom.
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: Magie
« Antwort #5 am: 11. Dezember 2008, 19:29:58 »

Magie und Hausbau

Wir bauten ein neues Haus für die Eltern. Die Erdarbeiten für das Setzen der Pfähle waren fast fertig. Nun warteten Arbeiter und Familie auf den Magier.
Ich hatte mein Buch über Bräuche und Unsitten ( Monks and Magic, B.J. Terwiel ) und einen Kompass im Gepäck. Deshalb konnte ich den richtigen Pfahl und die beste Zeit mühelos ermitteln.
Es ging darum, die Nak oder Naga, eine Art Schlange, sowie Erdgeister, die im Boden leben, zu besänftigen. Die Nak dreht sich alle drei Monate. Im November liegt der Schwanz im Norden, der Kopf im Süden, der Bauch im Osten und der Rücken im Westen. Es wäre gefährlich, die Schlange durch falsches Lochen zu reizen. Trifft man beim Graben zuerst den Schwanz, würde die Tochter einen Menschen umbringen. Reizt man den Rücken, würde der Hausherr schwer erkranken. Nur den Bauch darf man ungestraft  zuerst penetrieren. Das bringt später Glück und Fröhlichkeit ins Haus.
Ich wusste nicht, dass der Schwiegervater mich gleich noch als Hexer engagierte. Er wollte nicht, dass irgend ein zahnloser Greis aus dem Dorf sein sauberes Land mit billigem Fusel besapperte. Er dachte vielleicht, ich sei nicht der beste Geisterbeschwörer, aber ich hätte den teuersten Schnaps.

(Bei der Zeremonie für mein Haus trank der Schriftgelehrte praktisch den Branntwein allein und blies schwankend kleine Dunstwolken über das Grundstück.)
Im erwähnten Buch sind einige Formeln in Pali aufgeführt. Am Donnerstag den 14. um 15 37 errichteten wir den ersten Pfahl und ich rezitierte:
„Om phra Phum, Phra Thorani, Krungpali, sahaprivaraya ehi sathaya agacchantu paribhunjantu svahaya. “
Dass ein Farang Pali sprach, war neu für die Dorfbewohner. Einige Leute  behaupteten sogar, sie hätten mich verstanden. Und weil es so schön war, hing ich auf Berndeutsch dann noch einige Gedanken und Segenswünsche a la Jeremias Gotthelf “us em bluemete Trögli *“ daran.

*Strassenfegende Radiosendungen von Radio Bern – Beromünster um die 50er Jahre. Das „Trögli“ war die mit Blumen (Bauernmalerei) bemalte Truhe, in der die Töchter im Emmental ihre Aussteuer für die Hochzeit aufbewahrten.

Der Zauber wirkte offenbar. Zwei Wochen nach dem Umzug krachte das alte Haus bei einem schweren Sturm zusammen, während dem die alten Leute fröhlich im Neubau sassen.


« Letzte Änderung: 11. Dezember 2008, 19:33:23 von Low »
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Hochzeit anulliert
« Antwort #6 am: 11. Dezember 2008, 21:23:10 »

Hochzeit anulliert

Unsere Haushälterin wollte am 9. 11. 2006 einen freien Tag und nach Mae Sariang fahren, um dort die Hochzeit ihres Sohnes zu feiern. Letzten Monat reiste sie zur Familie der Braut, um die Angelegenheit zu besprechen. Man verhandelte den Brautpreis und wieviel Gold die Braut erhalten würde. Man besprach die Einzelheiten des Festes, wie Verpflegung, Blumen, Gäste. Wir waren ebenfalls eingeladen.

Am 3. teilte uns die Haushälterin mit, die Hochzeit werde wahrscheinlich nicht stattfinden. Die Braut verlangte den Goldschmuck vorzeitig und erhielt ihn auch.
Ende Oktober verschwand die Siebzehnjährige, ohne sich von den Eltern zu verabschieden. Die Spuren führten nach Bangkok.
Die junge Frau arbeitete bereits vier Jahre dort. Was machte sie wohl?
Mae Sariang ist ein Armenhaus in der Provinz Chiang Mai.

Der erzürnte Bräutigam sollte sich glücklich schätzen, dass er nicht, wie mein Grossvater zu sagen pflegte, mit den schönsten Kleidern in den Dreck fiel.
Üblich ist, dass die Familie der Braut, sofern die Braut es sich anders überlegt, den doppelten Preis zurück erstatten müsste. Diese Familie war arm. Die Haushälterin war mit dem Realersatz zufrieden.
« Letzte Änderung: 11. Dezember 2008, 21:27:36 von Low »
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Merit making
« Antwort #7 am: 12. Dezember 2008, 11:37:15 »

Merit making

Loy Krathong und Tod Kathin wurden in einigen Tempeln am gleichen Tag gefeiert.
Wat Khon Khaew in der Amphur HangDong gelegen, ist einer meiner Lieblingstempel, ganz in rot und Gold, abseits vom Touristenstrom.
Der kranke alte Abt und die Mönche kannten uns. Dies führte oft zu persönlichen Gesprächen.
Die Gläubigen und Gönner reisten am Vortag der Feier mit mehr als einem Dutzend doppelstöckigen Bussen aus Bangkok und Udon Thani an.
Der prächtigen Tempel mit dem riesigem Parkplatz bot den Besuchern Unterkunft.
Das Areal verwandelte sich flugs in eine riesige Garküche. Die Nacht verbrachten einige wenige Gäste in Mönchszellen, andere in Vorhallen, auf Bänken oder in den Bussen.

In den frühen Morgenstunden schleppten die Anwohner frische Blumen, Krathongs und andere Geschenke her. Aus den Bussen holte man verschnürte Pakete. Mit all dem Zeugs wurde vor den grossen Halle imposante Stände mit bunten Opfergaben aufgebaut.

Während der morgendlichen Ansprache des Abtes, dösten viele Menschen in den Bussen weiter. Vielleicht vierzig Unverzagte hörten dem Abt in der gewaltigen, fast leeren Versammlungshalle zu.
Doch als die Geschenke mit einem Wai an den Abt übergeben wurden, rannten die Siebenschläfer in Scharen aus den Bussen los zur Halle.
Kurios war, dass die Gegenstände, die nach dem Darreichen an den Abt von Mönchen aus der Halle geschafft, von neuen Hände ergriffen und das selbe Zeug dem Abt erneut dargeboten wurden. Es war ein ungeheuer spannender und unglaublicher Kreislauf. Recycling pur.
Dick und ich schüttelten die Köpfe ob dem Unsinn.
Später erzählte uns der Abt traurig, dass die Besucher nicht nur ihren Dreck überall liegen liessen, sondern den Tempel durch alkoholische und sexuelle Exzesse schändeten (es waren keine Langnasen dabei) und dazu sämtliche beweglichen Gegenstände stahlen.

In Englisch nennen Thais dieses Verhalten: Merit Making.
Das ist zu Deutsch: Addition guter Taten für eine glückliche Wiedergeburt.


« Letzte Änderung: 12. Dezember 2008, 11:40:56 von Low »
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Trauerfeier
« Antwort #8 am: 12. Dezember 2008, 13:47:26 »

Die Trauerfeier

Dick sagte mir eines Abends: „Morgen um elf Uhr kommen die Mönche ins Dorf. Wir gehen an die Trauerfeier.“
Ich erwiderte: „Wir kennen diese Leute nicht. Wieso denn?“
Vorsichtigerweise versuchte ich, uns möglichst aus allen undurchsichtigen Dorfgeschichten fern zu halten.  
„Kundin von mir,“ meinte Dick und die Angelegenheit war besprochen.

In einem Haus, etwas kleiner als Dick´s Beauty Salon, lebten drei verwandte Familien, Brüder, Schwestern und ihre Ehegatten. Der Verstorbene war Alkoholiker, mindestens eine Flasche Schnaps pro Tag. Die anderen Männer waren Drogenkonsumenten.
Diese Leute kamen aus Phichit und Kamphaeng Phet und wohnten erst seit einigen Monaten im Dorf. Ich wusste nur, dass sie Geld verliehen - zu zwanzig Prozent im Monat, maximal 3000 Baht pro Schuldner, rückzahlbar in täglichen Raten. Bei Zahlungsrückständen griffen die Leute schamlos zu: Moped, TV, Kühlschrank etc. Sie beschäftigten Kuriere zum Geldeintreiben. Deshalb schrumpfte der Ertrag auf die Hälfte. Man konnte bei ihnen auch Geld anlegen, allerdings nur zu fünf Prozent.

Ein Zelt mit Tischen und Stühlen versperrte die Strasse. Grosse, fleckige und verbeulte Aluminium-Töpfe mit meist übel riechenden Lanna Spezialitäten kühlten langsam ab. Fliegen umschwärmten geschälte Früchte. Geschirr, auf Mauern gestapelt, wartete auf Esser. Hässliche alte Köchinnen, vielleicht ehemalige Bargirls, begutachteten die Besucher mit grimmigen Blicken.
Die Mönche chanteten im Haus.
Die meisten Gäste, schwer mit Gold beladene ältere Frauen, sassen mit gefalteten Händen unter dem Zeltdach, aber plauderten uneingeschränkt miteinander, während andere fleissig telefonierten. Hie und da fuhren junge Männer mit ihren Motorrädern stinkend und lärmend durch die Trauergemeinde, stellten den Töff irgendwo ab und gesellten sich dann zu den Gästen. Die meisten warteten eigentlich nur auf das Leichenmahl.
Aber die Mönche mahlten zuerst.
Ich vernahm, dass der Verstorbene bloss 22 Jahre alt war. Er hinterliess eine Frau von 21 Jahren und ein kleines Mädchen.
Die Familien stritten sich bereits um Motorrad, Auto, Kühlschrank und TV. Um die junge Witwe mit Kind kümmerte sich keiner.

Eines nachts klagte der junge Mann, ihm sei übel und er hätte Atembeschwerden. Er ging ins Spital, eine Privatklinik.
Ein Arzt untersuchte ihn kurz, gab ihm Paracetamol und schickte ihn nach Hause zurück. Zwei Tage später war er tot.
Wahrscheinlich wurde er vergiftet. Die junge Frau wollte nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten die Polizei rufen und den Fall untersuchen lassen. Doch die Schwester des Verstorbenen hatte eine schnelle Kremation bereits in die Wege geleitet. Der Leichnam wurde sofort auf einen Pick-up verladen und nach Kamphaeng Phet gekarrt, ungefähr 350 km südlich, und dort sofort eingeäschert.
Die Trauerfeier, die fand jetzt statt.
« Letzte Änderung: 12. Dezember 2008, 13:50:53 von Low »
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Nachbarschaft
« Antwort #9 am: 12. Dezember 2008, 18:23:36 »

Nachbarschaft

Einer der Nachbarn, ein Schurke, der alles stiehlt was nicht festgenagelt ist und der papierlose Burmesen ausnimmt, hatte Probleme. Seine Frau arbeitete und lebte seit Jahren mit den beiden Kindern in Krabi. Er wohnte nun auf dem Gelände der Birmanen, wo er wie ein Hund alles bepinkelte.
Dieser Kerl ging zum Haus seiner früheren Nachbarin und verprügelte die über Fünfzigjährige und drohte sie umzubringen, weil sie angeblich mit seiner Gattin in Krabi telefonierte und erzählte, er hätte eine neue Frau. (Eine der hilflosen Burmesinnen.)
Die attackierte Frau bestritt vehement die Vorwürfe. Der Lärm weckte ihren Vater. Der musste wohl über siebzig Jahre alt sein.
Er nahm einen Holzprügel und hieb dem Angreifer eins auf den Schädel. Blutend suchte der Hilfe im Spital, wo sie ihm die Wunde nähten. Darauf ging er zur Polizei und klagte gegen die Frau und ihren Vater. Er forderte 10´000.00 Baht Schadenersatz und Schmerzensgeld. Die Polizei rückte zum Tatort aus und sah sofort, dass sie den Banditen, der schon zur Genüge bekannt war, nicht noch belohnen sollten.

Zu Weihnachten schenkte ihm wohl jemand eine Karaoke Maschine, mit der er bereits morgens um sechs Uhr seine geklauten Liegenschaften samt Burmesen und Burmesinnen beschallte, dass unsere Betten dank der Bässe vibrierten. Ich schmiedete bereits Abwehrpläne. Doch seit Neujahr ist wieder Ruhe in der Gegend, weil er an Sylvester seine Lautsprecher gegen Schnaps verscherbelte.
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juerken

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #10 am: 12. Dezember 2008, 22:54:06 »


Mensch Löw

Du bist Klasse - im anderen Thread Preiswürdige Beiträge und hier die Kurz Geschichten - nicht mehr zu toppen.

Gruß Jürgen
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Profuuu

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #11 am: 12. Dezember 2008, 23:08:06 »

erstaunlich, wie man mit relativ wenigen Worten soviel sagen kann. Die einzelnen Episoden sind rund, ohne Zeigefinger oder moralische Wertung und überlassen dem Leser seine eigenen Gedanken.

Einfach toll.  :)
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† Jhonnie

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #12 am: 12. Dezember 2008, 23:45:51 »

genau. geschichten aus dem Leben gegriffen, trocken und humoristisch gesehen.
einfach mit offenen augen durch die welt geschaut findet man es in jeder ecke.

weiter so, die storys sind koestlich, von welcher seite man es auch betrachtet.

Jhonnie
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  In der Bibel steht geschrieben: " Liebe deinen Naechsten " UND das Kamasutra zeigt  " WIE ES GEHEN KOENNTE". auch fuer RUD's behaftete geeignet.

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #13 am: 13. Dezember 2008, 12:41:44 »

Liebe Leser und Schreiber,

danke für das Lob, denn ich wusste nicht, ob die „Geschichten aus Hinterindien“ eine Leserschaft finden würden.

Bisher schrieb ich Artikel über die Paarung von Ionen im Ultrahoch- Vakuum, die Einsamkeit von Elektronen bei Strömen von unter E-18 Ampere und dergleichen. (Das Feedback war mager. Der Lohn stimmte.)

Ich hatte vor, meine private Berichterstattung ab 2009 aufzugeben.
Dank dem „Echo vom Doi Inthanon“ werde ich nun frohen Mutes weitermachen.

MfG 
Rolf
« Letzte Änderung: 13. Dezember 2008, 12:50:22 von Low »
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Schlangen
« Antwort #14 am: 13. Dezember 2008, 12:44:09 »

Schlangen

Wir reisten von Phitsanulok nach Phichit und stellten uns vor, dass es am See ein Fisch-Restaurant und ein gutes Hotel gab. Wir suchten ein Zimmer. Die äusserlich schäbigen Hotels in der Stadt mit den miefenden Bruchbuden zu horrenden Preisen begeisterten uns wenig. Wir fuhren zurück zum See. Die teilweise kränkelnden Fische in den schlecht gewarteten Aquarien entzückten uns nicht. Zu Hause hatten wir die bunteren und muntereren Exemplare der Gurami Familie. Dann fütterten wir die Fische im See mit Popcorn. Das Futter hinterliess schlierige Ölspuren an der Wasseroberfläche.

Als wir im Tesco nach Bier suchten, rief Schwägerin Tuk aus ChiangMai an. Der Vater in NahmTuang sei beim Kartoffelpflanzen von einer Schlange gebissen worden. Sie befahl uns, sofort nach NahmTuang zu fahren und dem schwer Verletzten helfen.
Das hätte im besten Falle drei Stunden gedauert, ein fast sinnloses Unternehmen. Anstelle der verlangten Hilfeleistung sassen wir in einer Kneipe und bewahrten uns vor dem Hungertod.

Der Vater half sich bereits selbst. Er und sein treuer Hund töteten den Giftwurm. Dann säuberte er die Wunde so gut es ging und versuchte möglichst viel Blut heraus zu quetschen. Er steckte die tote Schlange in einen Beutel und ging ins kleine Gemeindespital. Der Arzt dort brachte ihn ins Bezirksspital nach Nakon Thai. Dieser Arzt hatte keine Ahnung, ob der Biss gefährlich war. Serum war sicher nicht vorhanden. Währenddessen machte Tuk halb Nordthailand verrückt. Sie telefonierte uns wieder.
Weil wir in Phichit handlungsunfähig waren, rief sie Dick´s Kinder an. Doch der alte Herr war bereits unterwegs ins Provinz-Spital nach Phitsanulok. Tuk machte den Kindern Beine und organisierte bereits einen Rücktransport für ihren Vater. Wir reisten ebenfalls zurück nach Phitsanulok, wo wir, wie üblich im La Paloma Hotel, in der Nähe des Spitals, übernachteten.
Der Sanitätswagen von Nakon Thai wartete und nahm den Verletzten wieder nach Hause. In der Nacht fühlte er sich nicht wohl. Der diensthabende Arzt in Nakon Thai, offenbar noch geschockt von Tuk´s Wortschwall, brachte den alten Mann wieder zurück nach Phitsanulok. Dort gab ihm der Mediziner Paracetamol und etwas Antibiotika. Dick´s Sohn fuhr dann Grossvater wieder heim, ohne dass wir ihn je sahen. Wegen Tuk´s Intervention, legte der alte Mann mit dem Schlangenbiss innerhalb 24 Stunden über 450 km zurück. Dank dem, dass er den Biss zuerst selbst sorgfältig behandelte, es war höchstwahrscheinlich  eine Ketten-Viper, Daboia russelii siamensis, überlebte er die Transporte.
Die Viper griff ihn nicht auf dem Acker an, sondern im Hühnerstall.
Eine Nachbarin, die davon hörte, hatte nichts gescheiteres zu tun, als nach Chiang Mai zu telefonieren.

Es gibt hier auch Spei Kobras. Die spucken das Gift über drei Meter Distanz direkt in die Augen. Dann beissen sie zu.
Vor Jahren wurde Vater von einer Kobra angegriffen. Wieder half ihm ein Hund. Der kriegte das Gift in die Augen, trotzdem tötete er die Schlange. Leider erblindete der Hund am Gift, weil es keine Möglichkeit gab die Augen sofort zu reinigen. Der Hund lebte danach noch fünf Jahre und folgte seinem Meister auf Schritt und Tritt.


« Letzte Änderung: 13. Dezember 2008, 12:52:25 von Low »
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