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Autor Thema: Über ein gelebtes Märchen  (Gelesen 2114 mal)

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PaNuch

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Über ein gelebtes Märchen
« am: 20. November 2010, 15:52:26 »

Es waren einmal eine schmucke, kleine Thailänderin, ein ansehnlicher Thailänder, eine Gastarbeiterin, drei europäische Freier und ein netter älterer Herr - und es gibt sie immer noch.

Im Winter ist es saukalt im Isaan in Thailand, so ist es auch an diesem Tag im Februar 2514 als eine kleine Thailänderin das Licht der Welt erblickt. Ihr genauer Geburtstag steht nicht so ganz genau fest. Die Mutter hatte damals andere Sorgen, und der Vater kann sich nur an einen Donnerstag erinnern, weil er bisher all seine Kinder an Donnerstagen angemeldet hat.

Später wird die Mutter sagen, dass der Tag nicht stimme, trotzdem bleibt Donnerstag, der 25. Februar, als offizielles Datum bestehen. Zeitangaben sind ohnehin eher Absichtserklärungen denn verlässliche Daten im Isaan. Also lässt die kleine Thailänderin vor jedem 25. Februar verlauten: »I need present«.

Ihre Heimatgemeinde hat etwa 50 meist kambodianisch sprechende Einwohner. Jeder ist mit jedem verwandtschaftlich verbunden. Die Kinder sind untereinander samt und sonders pii oder nong, Schwester bzw. Bruder, nur Vater und Mutter sind eindeutig identifiziert, na, ja, gehen wir mal davon aus :-)
Das bedeutet aber auch, dass dies eine Versorgungsgemeinschaft für Kinder bedeutet. Verlassen die jungen Eltern die Gemeinschaft, um in den grösseren Städten Geld zu verdienen, dann ist für die Brut durch die Altvorderen gesorgt.

Sie wächst zweisprachig auf, denn sie ist »only one Thai sperm«, wie sie sagt, was in ihrem Fall bedeutet, dass der Vater Thailänder und die Mutter Kambodianierin ist.

Sie kann nur drei Jahre die Schule besuchen, denn ihr Vater landet wegen eines Tötungsdelikts im »monkey-house« (euphemistisch für Knast). Die Familie muss für seinen Aufenthalt dort weitestgehend selbst aufkommen, so dass die kleine Thailänderin mit etwa 10 Jahren im landwirtschaftlichen Betrieb mithelfen muss. Ihre Aufgabe ist es, auf die Wasserbüffel aufzupassen und sie zu versorgen.

Im Sommer ist es sehr heiss im Isaan in Thailand, und es herrscht regelmässig Trockenheit. Das Anwesen hat keinen Brunnen und die Mutter kein Geld, um Wasser zu kaufen und ihr mitzugeben. Das Mädchen trinkt auf der Weide den Urin der Wasserbüffel, einfach um zu überleben.

Während der drei Schuljahre hat sie ausreichend Lesen und Schreiben gelernt, was erstaunlich ist, da die thailändische Schrift über 40 Konsonanten, fast noch mehr Vokalkonstruktionen und jede Menge Ausnahmen kennt.

Mit 12 Jahren wird sie vergewaltigt.

Ihr Vater wird vorzeitig entlassen, lässt sich den Schädel scheren und geht erst einmal als Mönch in einen Tempel. Hier erfährt er, dass er sich um die Zukunft keine Sorgen machen muss. Seine Lebenserwartung liege bei mindestens 94 Jahren.

Er verlässt den Tempel wieder und macht aus diesem Grund Karriere als hard-core-Alkoholiker.

Die kleine Thailänderin heiratet, als es an der Zeit ist, einen ansehnlichen Thailänder. Sie findet Arbeit in einer Jeans-Schneiderei in Surin, und alsbald hat sie einen eigenen Aufgabenbereich, zu dem ihr Mann und einige Thailänderinnen als Mitarbeiter gehören.

Nach 10 Jahren Ehe lässt sich der Ehemann, der zwischenzeitlich ihr ganzes Geld verspielt und mit anderen Weibern durchgebracht hat, scheiden mit der Begründung, dass die Ehe bis dato kinderlos geblieben sei. Kurze Zeit später zieht er wieder bei ihr ein und bringt noch eine Thailänderin aus ihrem Arbeitskreis mit. Die Andere wird im Bett und Beisein der im Prinzip verlassenen Ehefrau geschwängert, bringt das Kind zur Welt und macht sich aus dem Staub. Unsere kleine Thailänderin nimmt den Buben an Kindesstatt an.

Kurz darauf wird auch sie schwanger. Als das Kind auf der Welt ist, macht sich der Vater aus dem Staub.

Nun ist sie geschieden, hat zwei unmündige Gören aber keine Zukunft, da die Hauptmitarbeiter ihre Mini-Fabrik verlassen haben.

Sie hat zudem als allein stehendes, weibliches Wesen keinen sozialen Status in der thailändischen Gesellschaft.

Andere Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis haben farang, westliche Ausländer, geheiratet und fühlen sich gut versorgt, also beschliesst sie, nach Bangkok zu gehen, um einen Ernährer zu finden. Alsbald stehen drei Europäer zur Auswahl. Den einen, der mit dem Geld um sich schmeisst, heiratet sie, wie Jungs das Mädchen genommen hätten, das die grössere Oberweite hat. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass er mit Geld auf Sicht nicht umgehen und ihr kurzfristig nicht das geben kann, was nun mal eine gesunde thailändische Frau sonst noch vom Leben erwartet. Sie macht ihm Vorhaltungen, und er verschwindet mit einem  gatoey, ladyboy, was sie ihm sehr übel nimmt.

Es gibt ja noch die beiden anderen europäischen Kandidaten, die zum damaligen Zeitpunkt ihre Ankunft in Thailand relativ gleichzeitig avisiert haben. Um das Dilemma zu lösen geht sie zu einem Mönch, der ihr rät, den zu nehmen, der zuerst ankommt.

Diesem praktischen Hinweis folgt sie. Sie nimmt den, dessen Flugzeug eine halbe Stunde früher landet, setzt ihren Charme ein und heiratet ihn.
Er malt ihr eine gemeinsame Zukunft aus, und als die Flitterwochen vorbei sind, verspricht er ihr, bald wiederzukommen, um mit ihr im Isaan zusammen zu leben und ein Geschäft aufzubauen. Er (mit)finanziert ihr ein Haus, und sie möchte eine Tochter von ihm, da nur eine Tochter sie im Alter versorgen wird, nicht so ihre Söhne. Die werden eigene Familien gründen und/ oder sich nach dem ersten Kind ebenfalls aus dem Staub machen.
Ihr europäischer Ehemann zeugt tatsächlich eine Tochter, aber mit einer anderen in seinem Heimatland, was sie ihm sehr übel nimmt.

Jetzt tritt dieser nette ältere Herr in ihr Leben, hilft ihr finanziell aus, gibt ihr problemlos das, was eine gesunde Thailänderin sonst noch vom Leben erwartet. Er lernt Thai sprechen, Thai kochen, sie und ihre Lebensweise verstehen. Sie nennt ihn »papa«, weil er für sie zur Vaterfigur wird, welche sie bisher nicht gehabt hat. An einer gemeinsamen Tochter wird gearbeitet, aber für eine gemeinsame Zukunft sieht sie schwarz: »because you die quickly«, spricht sie frohgemut mit Blick auf den Altersunterschied.

Obwohl sie ihre Söhne und ihre Eltern über alles liebt, fahren die Beiden nicht allzu oft von Surin aus in ihre Heimatgemeinde. Man begrüsst sie nicht auf traditionelle Weise, sondern mit dem Hinweis auf naam djai, Großzügigkeit, eine thailändische »Tugend«, die der nette ältere Herr »Thai-Sozialismus« nennt, mit den Worten: »Du hast Ausländer, du hast Geld, also gib mir«.

Der nette ältere Herr hat das so erlebt: Er sass ihrem Vater endlos-lange Minuten schweigend gegenüber, bis der dann schwankend aufstand und die fünf Griffel zeigte, was als Abschiedsgeste interpretiert wurde. Welch ein Irrtum! Die erhobene Hand stand für die nonverbale Aussage: »Ich brauche 500 Baht für lao khao, Reis-Schnaps.

Die eigene Familie beklaut sie, vor allem, wenn sie selbst nicht schnell genug mit dem Geld rüberkommt, und dann kann es auch vorkommen, dass der alkoholisierte Vater an ihrem Haus die Tür eintritt oder ein Fenster einschlägt, um seinen »Anspruch« durchzusetzen Das noch verbliebene Rind lässt er sowieso in ihrem Garten weiden, weil sie eine Bewässerungsanlage für ihre Blumen hat, die sie so sehr liebt und dem Rindvieh offensichtlich besser schmecken, als das verdorrte Gras.

Trotzdem ist ihr die Familie das Wichtigste. Wichtiger noch als der nette ältere Herr.
Auf Thai heisst das »graeng djai«, Respekt zollen. So überweist sie monatlich ihrer Mutter einen nennenswerten Betrag, der »ka naam nom« genannt wird, Preis für die Muttermilch.
Der Vater geht wieder mal leer aus, wie überall auf der Welt. Kein Wunder, dass er trinkt.

Jetzt steht sie in ihrem eigenen 5.000 ha-Garten, ist die Einzige vor Ort, die Englisch spricht und zwar so gut, dass die Schulbehörde sie aufgefordert hat, diese Sprache im ampoe, Landkreis, zu lehren, da sie besser sei als die studierten Lehrer.
Obwohl sie auf die 40 zugeht ist ihre Figur immer noch bemerkenswert.

Sie trägt jede Menge Gold am Körper, das für sie ein Teil ihrer Altersversorgung ist und ihr jetzt zudem einen sichtbaren sozialen Status verleiht.

Sie ist stolz auf das Erreichte, aber sie will noch mehr: sie will Zukunft.

Der nette ältere Herr wurde bereits erwähnt, und er ist freiwillig gemeldet worden, für ihre Zukunft zu sorgen. So schreibt er ihr eine Web-Site, denn er hat ihr vorgeschlagen, bei der Schneiderei zu bleiben und nunmehr T Shirts vornehmlich mit ihren Sprüchen unter dem Logo 'Black Pussycat Fashion' auf den Markt zu bringen.

Von einer Heirat will der nette ältere Herr allerdings überhaupt nichts wissen, da er schon einmal 42 Ehejahre hinter sich gebracht hat. Im Übrigen hat auch einer ihrer Söhne den dringenden Wunsch geäussert: »no more papa!«.

Doch als sie eines Tages in ihrem Isaan-Haus übernachten, meldet sich ihre Mutter anderntags tod-krank. Das sei Wirken der Geister, da ein Mann ohne eheliche Bindung wiederholt einer entsprechenden Verpflichtung nachgekommen sei. Ganz sicher müsse jetzt jemand sterben.
Noch am selben Tag wird ein Schwein auf seine Wiedergeburt vorbereitet, und für den nächsten Morgen eine Zeremonie anberaumt, während der dem netten älteren Herrn von uralten Weibern - die keine Zähne mehr haben, weil sie ständig maak kauen, so eine Art pflanzliches Rauschgift - weisse Fäden um das Handgelenk gebunden werden. Das gilt als ehelicher Bund. Die Mutter gesundet spontan, und die Buben nennen den netten älteren Herrn allerdings nicht »papa« sondern »lung«, Onkel.

Es könnte nun geschrieben werden: Jetzt leben sie gemeinsam, bis dass der Tod sie scheidet. Das kann im Isaan Ehemännern allerdings ziemlich plötzlich und unerwartet passieren.

Besser ist also die englische Variante für den Schluss eines Märchens, das gar keins ist:

… now they live together happily ever after.
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Kern

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #1 am: 20. November 2010, 16:22:46 »

Hallo PaNuch


Mit scharfem Blick, viel Verstaendnis und humorigen Formulierungen sehr unterhaltsam geschrieben.  ;}


Gruss   Achim
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wolli

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #2 am: 20. November 2010, 16:25:45 »

Hallo PaNuch,

gut geschrieben, aber es wurde das wichtigste vergessen,

die Mutter meldet sich tot-krank, ohne eheliche Bindung geht

es nicht, nach der Zeromanie, ging es der Mutter, spontan

wieder gut, nachdem sie das Brautgeld erhalten hat.  }}

Gruss Wolfgang
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dart

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #3 am: 20. November 2010, 18:26:34 »

@PaNuch
Du schreibst wirklich lesenswerte Geschichten und "Märchen", die zum Nachdenken anregen...weiter so und danke. }}
Greetz Reiner :)
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PaNuch

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #4 am: 20. November 2010, 19:01:04 »

Zunaechst einmal: Wer einen Rechtschreibfehler findet, der darf ihn behalten.
Der Spruch ist zwar nicht von mir, aber gut.

Zitat
nachdem sie das Brautgeld erhalten hat

Meine Bedingung fuer diese Eheschliessung ist gewesen: Keine Unterschrift, kein Geld.
nb. Ich gehe im Media-Markt einkaufen.
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samurai

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #5 am: 20. November 2010, 19:11:05 »

Was kann eine gute Geschichte toppen?
Eine gut erzählte gute Geschichte ;}

samurai, in freudiger Erwartung auf neues vom "netten älteren Herrn" 8)
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Ein Leben ohne Strand ist Moeglich, aber sinnlos. 

uwet

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #6 am: 20. November 2010, 20:06:21 »

Danke, sehr schöne Geschichte, und bestimmt ein Körnchen Wahrheit mit dabei oder vielleicht mehr Wahrheit als man glaubt.

lg uwet
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wolli

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Re: Über ein gelebtes Märchen
« Antwort #7 am: 20. November 2010, 21:19:52 »

Hallo PaNuch,

wie uwet schon schreibt, ein bischen Warheit ist immer dabei, die Geschichte ist gut,

besonders meine Bedingung fuer die Eheschlissung ist gewesen. keine Unterschrift  ;},

und natuerlich auch kein Geld  }}.

Gruss Wolfgang

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