Der meiner Meinung nach beste Pressebericht in deutscher Sprache über die Naxi-Kultur erschien vor 1 1/4 Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:
Die Dongba sterben aus
Von Petra Kolonko
http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~EBDB38F5CDF174030A59D8E34F9A52B88~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Sehr lesenswert, wie fast alles von dieser erfahrenen China-Korrespondentin. Es ist der beste deutschsprachige Artikel über Lijiang allgemein, den ich bisher fand. Es lohnt sich sowieso, nach den China-Aufsätzen von Petra Kolonko zu googeln. Eine "Rosa Brille" ist ihr fremd.
Die Träger der Taxi-Kultur sind die Dongba, die Schamanen des Naxi-Volkes, die seit Generationen ihr Wissen von Vater zum Sohn weitergeben. Aber die Dongba sterben aus. Es gibt nur noch etwa 20 von ihnen und die meisten Dongba sind bereits sehr alt. Ihre Söhne und Enkel haben an der Kultur ihrer Vorfahren kein Interesse mehr. Sie wollen lieber in der Stadt Geld verdienen, als auf dem Land arme Schamanen sein. Die wenigen jüngeren Dongba könnten die Texte und Gesänge bereits nicht mehr richtig, sagen Wissenschaftler.
Die Naxi haben ihre eigene Bilderschrift und klassische Texte, deren Bedeutung nur die Dongba kannten. Mit jedem Dongba stirbt also ein Stück der Naxi-Kultur. Deshalb sind die Forscher derzeit sehr bemüht, von den letzten Schamanen noch möglichst viel über die alte Kultur zu erfahren.
Das interessanteste ist dabei die geheimnisvolle Schrift des Naxi-Volkes, eine einzigartige Bilderschrift, die es sogar in verschiedenen Variationen gibt. Geschrieben sieht sie so aus:
(http://www.lijiang.com.cn/english/culture/db_culture/db_char.jpg) (http://www.omniglot.com/images/langsamples/smp_naxi3.gif)
http://www.omniglot.com/writing/naxi.htm (Deutsch) http://www.lijiang.com.cn/english/culture/db_culture/db_culture.htm (Englisch)
Die Naxi-Kultur wird zwar seit etwa zehn Jahren gezielt vermarktet, aber es darf nicht vergessen werden, daß die Han-Chinesen auf diese Menschen, ebenso wie auf die Tibeter und andere Minderheiten, oft herabschauen. In der Kulturrevolution wüteten die Roten Garden hier gegen die „alten Übel“ auf Geheiß des Massenmörders Mao Tse-tun sogar besonders schlimm. Ebenso wie andere ethnische Minderheiten in China versteckten die Naxi ihre Kultur und versuchten, sich der herrschenden Kultur der Han-Chinesen anzupassen.
Die Dongba wurden Opfer der Kritikkampagnen und als Anhänger von „Geisterzauber“ gequält und schikaniert, über Jahre durften sie keine Zeremonien mehr abhalten. Viele der kostbaren alten Handschriften wurden verbrannt.
Seit drei Jahrzehnten gibt es wieder eine begrenzte Religionsfreiheit im kommunistischen China. Doch die Naxi gehören nicht zu den offiziell zugelassenen Religionsgemeinschaften. Trotzdem ist die Dongba-Kultur nicht verboten, sie gilt als "volkstümliche Überlieferung". Mit dieser Spitzfindigkeit fällt man dann nicht in die Zuständigkeit der staatlichen Religionspolitik...
In Schulen von Wohngebieten, wo die Naxi in der Mehrheit sind, dürfen seit 1999 wieder Naxi-Schrift und Naxi-Kultur unterrichtet werden. In der Wanxia-Schule in Lijiang lernen die Kinder von der vierten Klasse an zwei Stunden die Woche Piktogramme, Legenden und Volkstum.
Dabei mussten allerdings Zugeständnisse gemacht werden. Im Wortgebrauch der kommunistischen Partei sieht das so aus, daß sogenannte „rückständige Aspekte“ unterdrückt werden. So oder so beherrschen selbst in Lijiang schon viele Naxi ihre eigene Sprache nicht mehr. Nur in einigen Dörfern wird noch überall die Naxi-Sprache gesprochen.
Erstaunlich ist die Tatsache, daß die wichtigste wissenschaftliche Naxi-Forschung außerhalb Chinas stattfindet. Alles weitere in dem genannten Artikel, den ich nochmals empfehle.
Ich habe das Dorf aufgrund der Angaben von Wolfgang (im folgenden Beitrag) tatsächlich gefunden, wenn auch nur auf einer einzigen Webseite: http://www.art-and-archaeology.com/china/lijiang/wc01.html
Baisha, Provinz Yünnan.
Der Wen Chang Gong in Baisha, bei Lijiang, ist ein Tempel (gong), der Wen Chang, dem Gott der Literaten und Forscher gewidmet ist.
(http://www.art-and-archaeology.com/china/lijiang/107195.jpg)
Dies ist der Eingang des kleinen Tempels
Den vorstehenden Bildern kann man den Grund entnehmen, warum das annektierte Tibet für China so wertvoll ist: Rohstoffe. An den Rändern des Hochplateaus gibt es zum Beispiel noch Wälder, die anderswo in China längst gnadenlos abgeholzt sind. Endlose LKW-Schlangen und neuerdings wohl auch die Eisenbahn fahren dieses "Beutegut" fast ausschließlich nach Nordchina.
Das Lamakloster Songzanlin ist heute wieder das größte Lamakloster des tibetischen Buddhismus in Yünnan. Von den cleveren Managern der chinesischen Touristikindustrie wird es als "der kleine Potala Palast" vermarktet. Hier kommt man viel schneller hin als nach Lhasa und mit der Höhenkrankheit hat man hier auf 3.300 Meter in aller Regel auch noch kein Problem. Zudem wurde diese Gegend vom eigentlichen Tibet abgetrennt und Yünnan zugeschlagen, somit sind die Rechtsverhältnisse auch klar, - jedenfalls aus der Sicht der "kommunistischen" Führer des Herrschervolkes der Han-Chinesen... Also in jeder Beziehung ein idealer Platz für Inlands-Gruppenreisen. Hauptsächlich wegen dieser nahegelegenen Attraktion wird das potthäßliche Zhongdiang als Shangrila vermarktet.
Allerdings ist auch das Kloster ein Nachbau, denn es wurde während des allgemeinen Massenmordens, Umerziehens und Vertreibens während der sogenannten "Kulturrevolution" bis auf die Grundmauern zerstört, obwohl es viele viele kostbare Kulturschätze beherbergte. Jetzt baut man es, allerdings tatsächlich weitgehend originalgetreu, wieder auf. Hunderte tibetische Arbeiter und Handwerker finden dort Arbeit und auch mehrere hundert Mönche sollen in den Gebetshallen bereits wieder ihre Übungen verrichten. Und nicht zuletzt lebt auch die unmittelbare Umgebung wohl nicht schlecht vom einsetzenden, vor allem einheimischen Massentourismus. Es ist hier offiziell erwünscht, daß das Kloster wieder aufgebaut wird, wenn auch nicht gerade aus religiösen Gründen.
Der Besichtigung kostet für Ausländer umgerechnet 8 Euro, die hoffentlich zumindest teilweise dem Wiederaufbau zugute kommen. Es handelt sich um eine prachtvolle Klosteranlage, die in der Tat einst nach dem Vorbild des Potala in Lhasa errichtet wurde.
Über das Möchtegern-Shangrila Zhongdian halte ich es wie Wolfgang und schreibe lieber nichts mehr über diese groteske in Bau befindliche Touristenfalle.
Aber bei der Gelegenheit noch ein Nachtrag zu den Touristik-Disneylands, die man in China immer wieder erleben kann. Teilweise ist der Ansturm schon der einheimischen Touristen derart so groß, daß man die Sehenswürdigkeiten einfach nachbaut. Hier folgt zum Beispiel ein Bild, das thematisch zum obenstehenden Beitrag Nummer 62 gehört; es ist der Anblick, den man hat, wenn man sich auf der Brücke, auf der das Bild enstand, umdreht und flußaufwärts photographiert.
(http://farm3.static.flickr.com/2116/1541710263_5e81b934f5.jpg?v=0)
Die abgebildete Stelle kommt einige Dutzend Kilometer nach dem Tigersprung-Felsen, wo die Straße ein Tal überquert. Man sieht erstaunliche Kalkstein-Pools, wie ich sie von den vulkanischen Warmwasserquellen zum Beispiel in Island, Japan, Neuseeland und in Montana in der Nähe der Nordeinfahrt zum Yellowstone-Nationalpark in Erinnerung hatte.
Aber dann denkt man kurz nach: Solche angeblich natürlichen Kalksteinformationen in ganz normalem, kristallklaren Kaltwasser irgendwo ohne erkennbaren geologischen Grund in einem ganz normalen Fluß? Das kann ja wohl nicht sein!
Und tatsächlich, wenn man dann erst die Yaks sieht, die dort zur Gaudi trampelnd die Touristen über die flachen, treppenförmigen "Pools" transportieren (in Yellowstone hält man Touristen auf mindestens 30 Meter Abstand von solchen empfindlichen, in Jahrmillionen entstandenen natürlichen Formationen), fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Die gesamte Anlage ist künstlich gebaut und zwar selbstverständlich an der einzigen Stelle im Tal, wo man auch gleich auch noch günstig einen riesigen Parkplatz mit Andenkenbuden anlegen konnte.
Das stand noch nicht mal im Reiseführer und auch unser Führer sagte es mir erst auf Rückfrage, als wir schon wieder weiterfuhren: "Yes, there are some similar pools high up in the mountains, but it's very difficult to go there...!"