Karl hat recht und das gilt nicht nur für die hier flott eingezeichnete blaue Farbsoße.
Die Hochwasser"katastrophe" für Bangkok wurde und wird hemmungslos übertrieben. Das Problem ist weniger die Nachrichtenlage, als vielmehr die Journalisten, die auf dem Medienmarkt heute "Katastrophen" geradezu brauchen, um ihre Geschichten absetzen zu können.
Die Wahrheit ist, daß man in Bangkok, von winzigen Ausnahmen abgesehen im äußersten Norden und entlang des Chaophraya, die Stellen geradezu suchen mußte, wo man auch nur mal knöcheltief im Wasser stehen konnte.
Ein typisches Beispiel ist dieses Bild, das während der ersten der beiden als wirklich gefährlich erachteten Hochwasserwellen entstand, nämlich am 26. Oktober:
http://www.theatlantic.com/infocus/2011/10/bangkok-underwater/100178/Diese Stelle in der
Th. Samsen Soi 8, die ich gut kenne (eines meiner Lieblingsrestaurants ist in der Nähe) ist einer der niedrigsten Punkte der Stadt, sie liegt kaum 300 Meter nördlich des Khlong Banglamphu. Da sind drei alte Tempel in der Nähe, denen man die Straße vielleicht nicht über die Nase bauen wollte... Aber egal warum, jedenfalls gibt es dort eine Senke.
Wenn in Bangkok dort kein „Hochwasser“ ist, gibt es nirgends in der Stadt eines...
Obwohl im Hintergrund die Straße schon wieder erkennbar trocken ist, berichtete die fesche Journalistin hier von einer -- so wörtlich -- „vollgesogenen“ Straße. –
Die Wahrheit über das Hochwasser in Bangkok sah am 26. Oktober und auch gestern (29. Oktober) so aus: Man mußte selbst bei höchstem Pegelstand die wenigen Stellen, in denen man mit einiger Anstrengung wenigstens fürs Auge knöcheltief im Wasser stehen konnte, geradezu suchen.
Aber bitte nicht falsch verstehen: Die Hochwasserkatastrophe
in Thailand (!) ist sehr ernst.
Seit Monaten steht ein Viertel bis ein Drittel des Landes unter Wasser. In den Provinzen
außerhalb Bangkoks verloren Millionen Menschen Hab und Gut und hunderte sogar ihr Leben.
Das interessierte viele Monate lang niemand. Der ausländischen Presse waren 300 Hochwassertote bis Mitte dieses Monats nicht mal Meldungen wert. Es interessierte noch nicht mal die Bangkoker Presse sonderlich. Und die vor allem mit sich selbst beschäftigte Verwaltung interessierte es schon gar nicht.
In der Engelshauptstadt macht man bei Hochwasser traditionell die Schleusen dicht und fertig. Dafür müssen die Menschen in den Nachbarprovinzen – zuletzt 1995 – monatelang im Wasser verschimmeln, bis das Wasser überwiegend verdunstet ist und ein Teil davon natürlich auch durch Bangkok geflossen ist, jedoch, bitteschön, immer nur soviel, damit die Hauptstädter sich keine nassen Füße holen.
Das ist keine Kritik daran,
daß man es macht (es ist schlichtweg vernünftig, in der Millionenstadt die Wasserhöhe geringer zu halten als auf dem flachen Land), die Kritik geht dahin,
wie man es macht, nämlich ohne dabei an die Nachbarprovinzen überhaupt zu denken. Für diese Ignoranz und elitären Arroganz steht insbesondere auch Bangkoks Statthalter (Prinz) Sukhumphan Boriphat ("Sukhumbhand Paribatra"), der zwar vieles von seinen Vorgängern geerbt hat, aber sich auch nicht zu schade dafür war, das wochenlang drohende Hochwasser bei jeder Gelegenheit politisch zu instrumentalisieren und den selbsterklärten politischen und gesellschaftlichen "Gegnern" in der Regierung zu schaden.
Man könnte eigentlich erwarten, daß sich angesichts dessen wieder ein paar neue "Wutbürger" formieren. Aber hier ist Thailand, und wenn sie in Bangkok nun wieder mit einem blauen Auge davonkommen, passiert voraussichtlich das übliche: Nichts.
Beeindruckt hat mich diesmal auch der aufgescheuchte Hühnerhaufen hilfloser Fallangs, die schon Panik bekamen, wenn mal bei Foodland oder im Sewen wegen ihrer eigenen Hamsterkäufe das Bier ausging und das Leitungswasser stärker gechlort oder ein paar Stunden abgeschaltet werden mußte.
Dabei gab es auf den Märkten und in kleinen Geschäften nirgends in Bangkok Probleme. Nur die großen Versorger kamen mit ihren Lastwagen nicht mehr durch die Hochwasserprovinzen.
Die vorläufige Krönung an nassem Dummgeschwätz leistete sich ein Teil der deutschsprachigen Presse dann gestern.

Erst berichtete das ARD Studio Singapur per Ferndiagnose der Tagesschau, daß
in Bangkok das Wasser „bis zum zweiten Stock“ der Wohnhäuser stünde.
Nein, das ist kein Witz.

Ja, das wären dann fünf bis sechs Meter hoch.

Kommentar überflüssig.

Ebenso versetzte die deutschsprachige Presse in Thailand ihre Leser mit Überschriften wie „Chaos in Bangkok“ in Panik.
Gleich im nächsten Satz hieß es, daß Nonthaburi, Pak Kret, Bang Bua Thong, Bang Yai, Sai Noi Bang Khruai, Phra Pradaeng und Phra Samut Chedi betroffen seien. Punkt, die Aufzählung ist vollständig.
Chaos in Bangkok?
Kein einziger dieser Bezirke liegt in Bangkok. Kommentar überflüssig – oder nein, vielleicht doch: Chaos bei Möchtegern-Journalisten, die derartiges meist schreiben, ohne überhaupt zu wissen, wo sich die entsprechende Stelle auf der Landkarte überhaupt befindet!
Dann hatte ein Ingenieur im Grunde vernünftigerweise vorgeschlagen, Straßendämme nördlich Bangkok zu
durchstechen, um das Wasser dort schneller abfließen zu lassen. Die englischsprachige Presse gab das sogar korrekt weiter („
digging across“).
Leider versagte aber das Übersetzungsprogramm eines leider wohl maßgeblichen deutschen „Journalisten“ und, da offenbar einer vom anderen abschreibt, blitzte prompt die Meldung durch das Internet, daß -- so wörtlich -- „fünf
Straßen zu Kanälen umfunktioniert werden müßten“, damit das Wasser abfließe.
Kommentar überflüssig.

Nur darüber, was in Bangkok wirklich gefährlich ist, schreibt keiner was:
Die meisten Bangkoker Hochwassertoten sind 2011 durch die wie üblich auch jetzt in die paar knöcheltiefen Pfützen
herabhängenden Stromleitungen gestorben. In Bangkok kommt derzeit leider weder von oben noch von unten Gutes.
Hier noch ein Bild zum Sonntag, das meiner Meinung nach exemplarisch zeigt, was in diesem Lande los ist:
http://www.theatlantic.com/infocus/2011/10/bangkok-underwater/100178/Ein lehrreiches Bild, das auch verständlich macht, warum der Plan scheitern mußte, das Hochwasser um Bangkok herumzuleiten:
Ein Land, in dem jeder und jede zu jeder Zeit jeden Abfall stehen, liegen oder fallen läßt, hat ein
Müllproblem.
Die Kanäle des alten „Venedig des Ostens“ werden seit jahrzehntelang illegal als Müllkippen mißbraucht, aufgefüllt, bebaut und sie sind vielfach zugewuchert.
Nachdem Meteorologen seit Monaten vor dem schlimmsten Hochwasser seit Jahrzehnten warnten, begann man vor etwa drei Wochen, Bangkoks Kanäle zu säubern und die teilweise gar nicht mehr funktionierenden Schleusen zu reparieren...
Dazu fällt mir weiter nichts mehr ein.

Ein Blick auf eine Geländekarte reicht für jeden Laien, um zu erkennen, daß rechts und links an Bangkok vorbei ein natürliches Flußsystem existiert, das aber aus den genannten Gründen unbrauchbar ist. Das Problem ist, daß diese Kanäle nicht mehr funktionieren und die zuständigen Beamten in Bangkok oft noch nicht mal die Khlongs kennen, für die sie eigentlich zuständig wären, geschweige denn, daß sie je kontrollieren, was in diesen Kanälen eigentlich geschieht...