Potenz, Bier und Federer
Exponenten sind die kleinen Zahlen, die rechts oben mit einem Minus- oder Plus-Zeichen hinter einer gross geschriebenen Zahl stehen.
Im Aufsatz schreibe ich der Einfachheit halber: 2 hoch 2 = 2ˆ2. 2e+2 ist ebenfalls richtig.
Warum ich dem Knaben diese Rechenart beibrachte, weiss ich nicht mehr. Er hatte Freude daran und kapierte es schnell. Ich sah letzthin
im Rechenbuch, dass ohne fundamentale Einführung Potenzen benutzt werden sollten. (1)
„Ich löste die Aufgaben bereits,“ sagte er stolz.
„Können das die anderen Kinder auch?“ fragte ich.
Er grinste frech: „Nein.“
Wenn 1 Kilogramm Äpfel 60 Baht kosten, was kosten 1 1/2 Kilogramm?
Diese Aufgabe ist hier für die meisten Leute sogar mit Taschenrechner unverständlich und unlösbar.
„Kauf besser zwei Kilogramm, denn Äpfel sind gesund!“
Aber über Potenz verfügt hier jeder.
Die kniffligste Aufgabe war:
243 x 3ˆ2 = 243 x 9 = 2187 ist falsch. Die richtige Lösung nach Buch ist 3ˆ7 (3e+7) (3 x 3 x 3 x 3 x 3 x 3 x 3), denn Thai Kinder bemerken auf
den ersten Blick, dass 243 = 3ˆ5 sind (3e+5).
Weil extrem grosse Strecken in irdischen Verhältnissen unmöglich sind, wich das Rechenbuch sofort in den Weltraum aus und die Schüler rechneten
mit Distanzen von Planeten und Sternen. Dafür haben die Kleinen keine Ahnung, wie weit es von Chiang Mai nach Chiang Rai ist, oder wie viele
Zentimeter dreieinhalb Meter haben.
Als unsinnige Zugabe wurde gleich noch das Längenmass Lichtjahr eingeführt, ohne lange zu erklären, dass das Licht pro Sekunde an die
300 000 Kilometer zurücklegt. (2) Die Intelligenzbestien durften dann unvorstellbare interstellare Distanzen von Lichtjahren in Kilometer umrechnen.
Die verfängliche Frage nach dem Abstand zwischen Erde und Mond und wie die Schüler ihn berechnen würden, regte mich zur folgenden Geschichte
an:
Die MondscheinsonateEin schwerreicher Bierproduzent, gleichzeitig avantgardistischer Philanthrop, lud den Tennischampion Roger Federer, sowie den berühmtesten
Astronomen Hinterindiens zu einem Experiment ein und setzte dazu kurzzeitig die Gesetze der Schwerkraft ausser Betrieb. (3) Alkoholische
Getränke produzierende Philanthropen dürfen das. Bereits Lao Khao zeigt beim übermässigen Genuss verwandte Effekte.
Federer schmettert Bälle mit einer Geschwindigkeit von über 200 Kilometern pro Stunde. Sein Auftraggeber verlangte einen Schlag mit genau
200 km/h in Richtung Mond. Der Astronom von Weltruf sollte mit einem speziell konstruierten Riesenteleskop den Ball und insbesondere die
Ankunft auf dem Mond verfolgen. (4) Anhand der gemessenen Zeit und der bekannten Geschwindigkeit des Flugobjektes liesse sich die genaue
Distanz relativ einfach berechnen.
Nach einigen beschwerlichen Stunden am Fernrohr, genehmigte sich der Wissenschaftler eine scharf saure Tom Yum Goong und darauf ein
kurzes Nickerchen. (5) Seine verehrte Frau sass während dieser Zeit strickend mit schmerzendem Hintern am Teleskop. Darauf häkelte sie ein
mit reichlich Sternzeichen dekoriertes Sitzkissen, denn sie begriff den Unterschied zwischen Astrologie und Astronomie nie. Sie war fühlbar
verbittert, weil ihr Ajarn Yai mit seinem beachtlichen Instrumentarium keinen lukrativen Nebenverdienst mit Horoskopen und Wahrsagen
ankurbelte, sondern sämtliche Antragssteller mürrisch abwies.
Nach einer Woche Wache im Observatorium waren beide trotz neuem Sitzkissen erschöpft. Der Ball flog immer noch Richtung Mond.
Der Astro-Physiker rechnete, triangulierte, extrapolierte, kratzte sich unanständig an einer exponierten Stelle und erklärte bitter:
„Knappe zehn Prozent.“
Doch der geistreiche Dozent hatte die glänzende Idee, einige seiner attraktiven Studentinnen für die bahnbrechende Beobachtung einzusetzen.
Bei den Einführungen zu zweit am physikalischen Gerät waren physische Berührungen unvermeidlich. Dem Forscher waren die Rundungen des
Apparates angenehm. Besser noch gefielen ihm die intimen Sphären seiner Assistentinnen, so dass sich seine Hände öfter mit den warmen
Formen als mit dem kalten Metall des teuren Instrumentes beschäftigten.
Etwas über elf Wochen nach Federers Präzisionsschlag, er war längst wieder bei seinen inzwischen jährigen Zwillingen in Zürich, zeigte der
Herr Professor am Teleskop den winzigen Ball vor dem riesigen Mond einer taufrischen, an sämtlichen Wissenschaften interessierten jungen
Dame. Sie präsentierte in ihrer duftigen Bluse nicht bloss Tennisbällchen, sondern verlockende Pomelo. Diese Produkte lenkten die geschärften
Blicke des Astronomen dauernd von seiner eigentlichen Aufgabe ab. Er konnte sich nicht zurückhalten und musste die fehlerlosen Formen mit
eigener Hand erkunden. Am Spiegelteleskop herrschte plötzlich ein brünstiges Knutschen.
Kleider fielen. Körper verschmolzen, eine echte Sternstunde angewandter Liebe und Triebe im Observatorium.
Als der leicht zerzauste, keuchende Professor in unordentlicher Kleidung endlich wieder den Mond betrachtete, bemerkte er entsetzt, dass der
Ball bereits aufgeprallt war. Die überaus wichtigen Angaben über Minuten, Sekunden, zehntel und hundertstel Sekunden fehlten. Der Ball war
etwa 1900 Stunden unterwegs.
Die exakte Vermessung erwies sich damit als eine, durch den hemmungslosen Geschlechtstrieb eines Akademikers, ruinierte Bieridee.
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Potenz_(Mathematik)
(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Lichtjahr(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Philanthropie(4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Teleskop(5)
http://www.thailandinformation.de/thailand-rezept-tom-yum-goong-scharf-saure-thai-suppe-mit-garnelen-308-pictures.htmNachtrag:
Die wechselnde Distanz des Mondes wurde auf Millimeter genau vermessen. Wir wissen jetzt, dass sich der Himmelskörper pro Jahr im Mittel
38 Millimeter von der Erde entfernt.