Ein neuer alter Zopf
Global Moderator A. Kern zitierte am Ende des Jahres richtig: (Hab dank, ohne jegliches tea oder chang money!)
“ Da sich in Hinterindien eine leere Festplatte nicht von selbst füllt.....“Meine unbescheidene Antwort:
„... ganz im Gegenteil. Sie entleert sich selbständig.“ Die Pfestblattern.
Die attraktivsten Festplatten lieferte ein Metzger, genauer gesagt eine Charcuterie direkt an den Chemin d’ Amour, wo ich spartanisch mit der
herrlichsten Aussicht durch riesige Platanen auf die Altstadt lebte. (1)
Schön angerichtet und lieblich präsentiert lagen auf den hochglänzenden Oberflächen verschiedenste Fleisch- und Wurst-Sorten, Terrinen,
Pasteten, Rouladen, getarnt durch viel Petersilie oder Liebstöckel (Levisticum officinale (2)) einsame Garnelen, ausgesuchte Salate, Kapern,
Gewürzgurken, Silberzwiebeln, Spärgelchen und fast allem, was Sinne, Magen und Herz begehrten. Nach dem Genuss all der Häppchen im
Beisein duftig gekleideter, formenbetonter weiblicher Wesen entwickelte sich zur absoluten Steigerung der Genüsse vollautomatisch eine
Festlatte.
Heutige Festplatten haben meist einen Durchmesser von drei-einhalb Zoll und lassen trotz vielen Schrauben (4) weder tiefere Freuden noch
Latten hochkommen.
Diese Festplatte ging mir sehr nahe. Sie traf mich. Sie strafte mich.
Firewall im Router, Firewall im PC! Aktueller Virenschutz!
Doch da war ein begnadeter, ungeheuer genialer Mensch am Werk. Was machte er mit seinen Geistesgaben? Unterhielt er eine weltweite
Forengemeinde mit wundersamen Kochrezepten oder erlogenen Geschichten und erfundenen Abenteuern?
Nein, dieser Lenardo del Disastro schlich sich von zahlreichen schlafenden oder alkoholisierten Wächtern unentdeckt auf meine Festplatte und
löschte gemächlich während Wochen Systemprogramme. Erst fiel es mir gar nicht auf, als einige selten benutzte Anwendungen fehlten.
Ich dachte, ach, diese Programme sind auf dem Laptop. Die Zerstörung vermehrte und verbreitete sich.
Als tattriger Greis mit wachsenden Gedächtnislücken machte ich auf altmodischem Papier mit Bleistift Notizen. Meine Festplatte fermentierte
dokumentiert zusehends zum binären Emmentalerkäse mit mehr Löchern als Programmsubstanz. Weder Virenschutz noch Firewall meldeten
eine sich anbahnende Katastrophe.
Letzte Rettungsversuche waren erfolglos. Der Zugriff auf Winzigweich war geblockt. Die Korrespondenz mit unversehrten Daten auf DVD war
unmöglich. Zeitungen und Mails funktionierten normal.
Ich lernte in den Reisfeldern dürftig geschulte Menschen mit viel Herzensgüte und grenzenloser Freundlichkeit kennen. Bösartigkeit und
Kriminalität kannten sie höchstens vom Fernsehen, bis ihnen eines Nachts der hart erarbeitete Reis vom Feld geklaut wurde.
Das Leben auf dem Lande ist mir angenehm. Die Düfte derben Dungs ziehe ich dem Dunst des Diesels vor. Ich weiss, warum ich nicht in einer
Stadt mit Horden von eingebildeten Wichtigtuern, aufgetakelten Models, halbblinden Dressmen und seelenlosen Müssiggängern lebe.
Wenn mit Steuergeldern bestens ausgebildete Schurken, charakterlose Wesen ihr Wissen zu Chaos und Zerstörung nutzen, ist das anerzogener
Wahnsinn. Seit Oktober machte ich wieder Bekanntschaft mit diesen Krankheiten. Warum gehen wir alle, eingeschlossen die Gesundheitsämter,
die Polizei, die Behörden gegen diese Seuche nicht unerbittlich vor und versuchen wenigstens sie auszurotten?
Internetterrorismus ist nicht nur eine Pestilenz. Er ist eine weltweite Bedrohung, vor allem weil mafiöse Staaten in den unergründlichen Pfaden
des Netzwerkes gut getarnt fleissig mitmischeln.
Erpressungen mit Lösegeldforderungen gegen allfälligen Datenverlust, Datenklau und ähnliche Schweinereien garantieren ein getrübtes Dasein
im abstrakten binären Raum.
Mein Intimfeind wusste nicht, dass ich mein System, als es so richtig schön digital schnurrte und die Prozessoren ob des ungetrübten Datenflusses
eine milde Wärme entwickelten, klonte. Ich vergass nicht, immer ganz brav, wie ich es meinen Kindern, Schülern und Studenten nutzlos zu vermitteln
versuchte, Backups zu erstellen.
Zwei Stecker ausziehen, zwei Stecker einstecken. Schnellstens verfügte ich wieder über eine perfekt arbeitende Maschine. Die perfiden Programme
fand und zerstörte ich mit ausgesuchte Software. Nun geht es erneut ans Klonen. Das hilft bei der nächsten Panne mehr als klönen und labern.
Für unsere Datensammlungen verfügen wir meist über Schutz und Abwehr. Wie sieht es bei uns selbst aus? Mensch, da gibt es doch Unfall-
und Krankenversicherungen. Gegen wenige Viren gibt es Impfschutz.
Die Mikroorganismen, Viren und Bakterien jedoch attackieren dauernd. Von Mücken, nicht Lesben sondern Wespen, Schlangen, tollwütigen
Hunden, nur ganz selten Grosswild wie pubertierende Wasserbüffel, werden wir am Reisfeld häufig verfolgt.
Am Schlimmsten sind trotzdem unsere Artgenossen und Genossinnen. Wie weit kann man ihnen trauen oder sogar vertrauen? Der Teufel
schleicht sich in Form anmutiger, Heucheleien und Lügen verbreitender Gestalten an. Ganz selten werden wir mit Waffen bedroht. Manchmal
sind wir selbst unsere ärgsten Feinde.
Forengemetzel, entstanden aus nichts, sind allzu berühmt. Da werden unbekannte, vielleicht gutartige, anonyme Wesen ohne jeglichen Anstand
skrupellos aufs Deftigste angegriffen.
Wie gut, dass es die schönen Künste gibt. Maler, die unsere Phantasien beflügeln, Komponisten mit erhabenen Sphärenklängen. Literaten,
welche Futter für Seele und Geist liefern. Diese Schöpfungen lassen uns menschliche Niederungen, miefenden Dreck und kleinkarierten Kummer
des Daseins vergessen.
Aber ist ein genial entwickelter PC Virus an sich nicht auch ein Kunstwerk? Gehört zur selben Sparte ebenfalls ein perfekt ausgetüfteltes Verbrechen?
Friedrich Dürrenmatt gab darauf eine Antwort in seinem Buch: “Der Richter und sein Henker“.
Ein Kommissar setzt seine Ermittlungen nur fort, um eine Gerechtigkeit zu erzeugen, die sich weder auf kriminalistischem noch legalem Weg
finden lässt. Das ist sie, eine düstere Beschreibung der Zukunft.
Meine Geschichten sind ebenfalls gefährdet. Anstatt dass sich meine Nachbarn sortentypisch verhalten oder ungewöhnliche Aktivitäten ausüben,
sitzen sie vor immer grösser werdenden Bildschirmen und konsumieren importierte, meist amerikanische Inhalte von Datenträgern aus (noch)
lokaler Fertigung im Terabyte Bereich.
Einen schönen Rest für 2011
und allzeit üppig gedeckte Festplatten wünscht
Low
(1)
http://en.wikipedia.org/wiki/Charcuterie(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Liebst%C3%B6ckel