Wege zur Schlitzohrigkeit (auch Schlitzobrigkeit) März 2009
Dieser Aufsatz wartete seit einiger Zeit im PC des Gebärvaters. Aus aktuellem Anlass
stellte ich ihn heute fertig.
Eine Frage, die das Forum neulich bewegte, betraf Dummheit. Die Fragestellung war
nicht besonders glücklich gewählt. Der Autor unterstellte damit indirekt und unfreiwillig,
dass an die germanischen Stämme soviel Klugheit verteilt wurde, dass insbesondere
für Hinterindien nicht viel davon übrig blieb.
Wie das Hierzulande so üblich ist, ist Mangelware teuer. Daraus folgt, nur die Reichen
können sie erstehen. Dies wiederum bestätigt, die meisten Armen sind dumm.
Sind sie arm, weil sie dumm sind? Das könnte zutreffen, denn für Dumme gibt es keine
Planung, keine Berechnungen und keine Kausalität.
Hat man Geld, kauft man planlos ein. Dann werden Unmengen gekocht und danach die
Hälfte weggeschmissen. Man hat ungeplant Kinder. Die gehen so gedankenlos zur Schule,
wie sie wieder nach Hause finden. Hausaufgaben sind eine Schikane für die ganze Familie.
Weil die Eltern nichts Wissen, werden die Kleinen nicht kontrolliert. Einen geregelten
Tagesablauf kennen weder Eltern noch Kinder. Man isst, wenn der Magen knurrt, oder
wenn die Nachbarn etwas feiern. Zehnjährige glotzen zu jeder Unzeit in den Fernseher.
PC Spiele ballern rund um die Uhr, geschlafen wird dann in der Schule.
Sind sie dumm, weil sie arm sind? Ich kenne einige Wenige, die trotz bitterer Armut lernten.
Wenn sie nicht zu träge und zu faul waren, schafften sie eigenständig den Weg zu mehr
Bildung und damit zu bescheidenem Wohlstand.
In meinem Bekanntenkreis sind einige wohlhabende Familien. Die fördern ihren Nachwuchs
bestens. Das geht soweit, dass die Eltern in Phitsanulok leben und die grösseren Kinder in
Chiang Mai zur Schule gehen, weil es am Wohnort nichts vergleichbares gibt.
Das Nicht-Denken für sich ist nicht das Buddhistische Erwachen. Viele Buddhisten haben es
leider völlig aufgegeben, das Erwachen zu erhoffen - obwohl es die zentrale Botschaft des
Buddha ist, dass jeder das Erwachen selbst erlangen kann.
Aber eines können die Armen und die Reichen: Sich verdrücken und Problemen aus dem Weg
gehen. Da besteht bei uns noch ein grosser Nachholbedarf.
Ich kenne einige Farang, die suchen Probleme, ziehen sie an oder sie schaffen sie sich selbst.
Die sind unglücklich, wenn sie keinem erzählen können, wie tief sie im Schlamassel sitzen.
Helfen kann man solchen Individuen nicht. Dies bewog uns, Kontakte mit dieser Art
Erdenbewohner streng zu meiden.
Brauchst du geschäftlich eine Telefonnummer, aber du hast kein Handy?
„No problem“, da ist doch eine Nummer am Beauty Salon. Also wird man die angeben.
Weil Klein-Burma gleich um die Hausecke lag, dudelte das Handy bis zur Einführung
der 08 Vorwahl Tag und Nacht.
Wenn kein Geld da war, um ein Handy zu kaufen, ging man zur Kreditfirma und fragte
mal für 10 000 THB. Die erhielt man bei einer guten Wohnlage leicht.
Als Adresse diente wiederum der Beauty Salon.
Das ging so weit, dass Frau Tochter, die nicht hier wohnte, für ihre Zwecke unsere
Haustelefonnummer angab. Ich brauche das Telefon nur fürs Internet. Die meisten
Anrufe nehme ich gar nicht mehr entgegen.
Wenn ihre Freundinnen Kredite nutzen wollen, war unsere Anschrift stets die erste
Adresse. Weil sie ihre Zahlungsaufforderungen nicht bezahlte, erhielten wir die frei Haus.
Wir ermahnten die junge Frau, die überdurchschnittlich verdient, sie solle gefälligst ihre
Rechnungen bezahlen.
Das Ergebnis war, dass sie beim Telefon sofort die SIM Karte wechselte. Solcherart sind
die Leute nicht zu fassen. Ich kenne einige, die dreimal pro Jahr eine SIM Karte austauschen.
Zu diesem Zweck haben doch die Telefon-Firmen ihre Promotionen.
Da sind wir Europäer doch ganz anders. Wir behalten unsere Telefon-, Versicherungs-
und Geheimnummern wenn immer möglich lebenslänglich. Besonders die Frauen versuchen
noch nach vielen Jahren die Kleidergrössen aus ihrer Jugendzeit mit wechselndem Erfolg zu tragen.
Unsere ehemaligen Hausbesitzer und ihre zweit und dritt Frauen, benutzten noch nach
Jahren das nicht erstattete TabienBan, das Haus Dokument, um teure Anschaffungen auf Kredit zu machen.
Wenn die hier im Dorf eine elende Holzhütte zusammen nagelten, in der man in Euroland
wegen dem Tierschutz keinen Hund halten könnte, gingen die nachher zur Bank und erhielten
ein Darlehen. Mit dem Geld wurde alsdann der neue Pick-up teilfinanziert.
Es gibt riesige Töpfe mit ebenso grossen Pflänzchen. Einer allein kann so ein Ding nicht
vom Fleck bewegen. In der Apotheke suchte ich vergeblich nach Antigravitations-Salbe.
Deshalb benötigte ich einige Leute, die ich für wenige Minuten Hilfe fürstlich entlohnt hätte.
Keiner der Nachbarn hatte Zeit.
Als ich aber erwähnte, wir hätten da etwas gegrilltes Schwein, Bier und Schnaps,
standen die Leute Schlange. Ich erklärte dann:
„Zur Vereinfachung des Nahrungsbezuges müssen wir erst das Töpfchen schieben“.
Sie staunten und halfen. Nur einer meinte, er habe seine besten Kleider an, er gehe mal
das T-Shirt wechseln. Als der Topf verschoben war, stand er in denselben Klamotten
wieder da und griff zum Schwein.
Schwein gehabt.
Jegge, Jürg
Dummheit ist lernbar
Erfahrungen mit Schulversagern
Zytglogge
Georg Litsche
Wille versus Kausalität
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