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Autor Thema: Geschichten aus Hinterindien  (Gelesen 449587 mal)

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Low

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Heimatlos
« Antwort #1095 am: 01. Mai 2010, 15:50:05 »

Heimatlos

Nicht jedem gefällt es auf die Dauer in der tropischen und politischen Hitze in Thailand.
Eines Tages, früher oder später, entdecken einige Stammgäste Risse und Flecken im Theatervorhang. Sie treten in einen groben Holzsplitter
aus dem schlecht gehobelten Bühnenboden. Der schmerzt im Fuss und eitert. Missmutig bemerken sie leere Eis Creme Tüten und Popkornverpackungen
unter den Sitzgelegenheiten im nicht sonderlich sauberen Zuschauerraum. Es mieft von den Toiletten. Die Schminke in den Gesichtern der Schauspieler
ist nicht echt. Sie war es nie.

Mehr oder weniger frustriert treten sie dann die Rückreise ins paradiesische Heimatland an. Sie träumen von frischer Bergluft, von vier Jahreszeiten
und deftigen Mahlzeiten im sicheren Rechtsstaat.

Es muss nicht unbedingt Thailand sein.
1982 verliess der Lehrer und Musiker, Walter “Wale“ Liniger, die Bundesstadt Bern, um sich in den USA den Lebenstraum zu erfüllen.

Vor einige Wochen sah er:
„Ich merke gerade, dass ich 25 Jahre lang nur ein Betrachter war in Amerika, ein Tourist. Es schmerzt, das zu erkennen. Die ganzen Jahre:
Standing on the Sideline.“
„Du kommst zurück und merkst, dass du dich die ganze Zeit, die ganzen 25 Jahre auf etwas verlassen hast, das es nicht mehr gibt. Alles hat
sich so stark verändert, dass du es nicht mehr erkennst. Und du erkennst Dich selbst nicht mehr darin.“

Über seine Abreise gesteht Liniger:
„Wenn ich ehrlich bin, weiss ich bis heute nicht, warum ich gegangen bin. Früher habe ich manchmal Dinge erzählt, Gründe für meinen Abschied
genannt. Aber das waren immer nur Bruchstücke. Vielleicht ist es ein Geheimnis, das ich nie verstehen werde.“

Ich erwähnte es bereits: Es muss nicht unbedingt Thailand sein. Mir ist bewusst, dass es das Land, das ich verliess, nicht mehr gibt. Ein Blick in
die gleichnamige Zeitung im Internet genügt.
Ganz nebenbei, der Low, der ist auch nicht mehr derselbe.


http://www.derbund.ch/kultur/pop-und-jazz/Der-Schweizer-BluesProfessor-in-den-USA/story/12151503

http://www.bluesprof.com/


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khun mai ru

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1096 am: 01. Mai 2010, 18:01:14 »

Lieber Low,

auch wenn der Bühnenboden perfekt gehobelt und der Vorhang fleckenlos
und ohne Risse wäre - es bliebe doch THEATER.
Die Kulissen werden mehr oder weniger machtvoll verschoben und Schauspieler
wie auch wir Statisten, haben nicht nur relativ kurze Gastrollen, sondern wir ver-
ändern uns ebenfalls ununterbrochen. Mikrobiologisch sind wir sowieso alle jeden
Tag "neu" und  daher letztlich auch "anders".

Auch im "tragischen Fach" gibt es manche Lichtblicke. Weit- und Durchblick  hast
Du hier sowieso bewiesen. Wenn Du, also "nicht mehr derselbe Low" bist, wirst Du
sicher aus diesen Veränderungen wieder das Bestmögliche machen und Deine
Wurzeln endlich eine Erde finden, die Du als Heimat bezeichnen kannst.

Gruß und alles Gute, kmr.
 
« Letzte Änderung: 01. Mai 2010, 18:24:50 von khun mai ru »
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Low

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Letzte Heimat
« Antwort #1097 am: 02. Mai 2010, 12:22:01 »

Ich fühle mich nicht heimatlos. Aber im Laufe der Zeit sah ich, wie einigen Mitgliedern der glitschige Boden unter den Füssen entglitt.
Bei persönlichen Problemen hilft keine Flucht, denn Ungewissheiten sind die standhaftesten Begleiter.

Als letzte Heimat reicht ein Blumentopf. Asche könnte von strengen Luftströmungen theoretisch über Kontinente geblasen werden.
Bin ich globaler Luftverpester?
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1098 am: 06. Mai 2010, 22:15:48 »

In  der Prügelecke kann ich mich leider erst in etwa zwölf Stunden melden.
Bis dahin gibt es eine andere Geschichte.

"Hast du ein Problem?"
"Mehrere."

Wer reist in diesen Tagen schon freiwillig nach BKK?
Morgen Dick mit meinem gesegneten Kick.
« Letzte Änderung: 06. Mai 2010, 22:50:51 von Low »
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Low

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Ein Wirtschaftswunder
« Antwort #1099 am: 06. Mai 2010, 23:33:08 »

Ein Wirtschaftswunder

In Thailand gehört mir fast nichts. Es gibt einige Deziliter Desinfektionsmittel und ein paar Spritzen, die mir selten jemand streitig macht.
Bereits bei den Getränken muss ich mich einschränken und teilen. Das geht weiter bis zum Bett.
Dick gehört mir auch nicht. Sie entschied einst, sie bleibt nur einen Tag und vielleicht den nächsten.
Das ist eine andere Bindung, als mit amtlichen Dokumenten, goldenen Ringen und Ehe-Verträgen. Doch die sind oft nicht einmal das Papier
wert, auf das sie gesetzt sind, sollten sich Gevatter Tod, Onkel Krankheit, Neffe Eifersucht, Nichte Habgier, Tante Unfall oder gar ein einfacher
Wasserbüffel melden. (1)

Trotz diesem Vorbehalt gibt es eine Art Schwiegermutter. Darf ich ihr im Internet ein Kompliment machen? Gäbe es einen Weltrekord im Quasseln
verbunden mit exotisch ungezügelter Airbagrhetorik, wäre sie sicher im Guinessbuch aufgeführt.
Sie ist wenig jünger als ich und leidet zunehmend an schmerzhaften Rückenproblemen. Fast gehunfähig, mindestens spitalreif, wurde sie vor
Monaten nach einem obskuren Ringkampf mit einer streitbaren, etwa gleichaltrigen Nachbarin verletzt. Sämtliche Vertuschungsversuche des
realen Tatbestandes blieben trotz meiner mageren Sprachkenntnisse erfolglos.

Die Frau hatte eine Waschmaschine der besonderen Art. Ein billigst Produkt aus viel Kunststoff mit zwei Motoren. Der eine Motor trieb die Waschtrommel
an. Der zweite Motor diente zum Schleudern. Doch dazu musste die Frau mit dem peinigenden Rücken zuerst die schwere nasse Wäsche aus den
Untiefen der Trommel wuchten und in die Schleuderabteilung einfüllen.
 
Eines Tages wollte die Maschine weder waschen noch schleudern. Dafür erfüllten Ozon und andere Düfte den Raum. Garofilium Silvestre Caprese
oder Chanel Nr. 5 vermisste ich, aber da war eine Spur meines Freundes Georg Simon Ohm in der Luft. (2) Ich durfte einen Blick ins stinkende,
oxydierte, mit verrussten Drähten garnierte Innenleben werfen. Da hatten schon einheimische Spezialhandwerker ihr Klebeband und weitere
unübersehbare Spuren hinterlassen. Die Kondensatoren waren nicht mehr fein säuberlich angeschraubt, sondern hingen an Verbindungsdrähten,
von filigranen Spinnweben verstärkt, frei im Weltraum. Ich beobachtete feine Spuren von Durchschlägen in der Isolation.
An dem Tage litt ich unbeabsichtigt nicht an Depressionen, denn es gab zufälligerweise – wegen fehlendem Internet - keine Beanstandungen meiner
Sprache und Sprüche.  Deshalb wollte ich mich nicht unbedingt umbringen und verzichtete auf eine Wiederherstellung des technischen Wunderwerks
ohne jegliches Qualitätsprädikat. (Airbagrhetorische Beschreibung von Schrott.)

Vergleichbar im Preis von ein paar sorglos angeordneten Bits und Bytes der Firma Winzigweich gibt es Maschinen, welche in einer einzigen Trommel
waschen und schleudern können. In einer grösseren Stadt fanden wir ein ursprünglich koreanisches Produkt mit geringer Bauhöhe und bloss zwei
Bedienungsschaltern, das unseren Erwartungen entsprach.
Wir installierten die Maschine und instruierten Schwiegermutter über den Gebrauch der Schalter, die unzählige Leuchtdioden ein- und ausschalteten.
Ob das zusätzlich etwas am Waschvorgang veränderte, bezweifle ich.
Bereits nach zwei Tagen konnte sie die Schalter selbständig betätigen. Mowgli war nach zehn Minuten mit der Technik vertraut und studierte die
Bedienungsanweisung, welche er, vom Winde verweht, irgendwo unter einem blühenden Roseneibisch fand. (3)

Die Menschen im Dorf pilgerten scharenweise zur neuen Waschmaschine und fanden sie wunderbar. Mittlerweile laufen in dem kleinen Flecken
zwanzig Maschinen dieses Typs und Schwiegermutter für einen Tag kassiert vom glücklichen Lieferanten laufend Provisionen. (4)

(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Gevatter_Tod
(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Ohm
(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Vom_Winde_verweht_(Film)
(4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Provision

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drwkempf

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1100 am: 08. Mai 2010, 04:11:28 »

Lieber Low,

"nur einen Tag und vielleicht den nächsten"

wir wünschen Dir und Dick noch viele "nächste Tage".

Wolfram
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Low

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Rosine
« Antwort #1101 am: 08. Mai 2010, 22:52:40 »

Rosine oder bittere Pille?               8. Mai 2010

Gam holte eine Rosine für mich aus dem Fundus in die Prügelecke:
„Ich spreche ausser der emmentalischen Hochsprache keine einzige gängige Fremdsprache.“ (1,2)
Grosse, gepflegte, gar geflochtene Misthaufen vor den mit blühenden Blumen geschmückten stattlichen Bauernhäusern im Emmental weisen
auf die wohlhabenden Eigentümer von vielen prächtigen, trächtigen Kühen hin.

Ich las das Zitat. Meine Lüge erschütterte mich. Die Emmentaler würden mich in Sekunden als Fremden entlarven. Ich verstehe die Worte.
Korrekt sprechen - mit all den Feinheiten - kann ich nicht. Verständigen, eine Mahlzeit bestellen, dazu reicht es. Und ich könnte einer hübschen
Frau in der bäuerlichen Sonntagstracht ein Kompliment, einen Antrag machen:
„I ha di gärn,
schöns Meitschi vo Bärn.“
Das geht radebrechend auch in einigen anderen europäischen Landessprachen, weil ich als Wanderarbeiter und Feriennomade den alten Kontinent
und ebenso die neue Welt öfters bereisen durfte.

Manchmal lese oder höre ich Menschen in einer bekannten Sprache und ich verstehe sie trotzdem nicht. Wie ihr seht, stolpere ich über meine
eigenen Aussagen. Dann entsteht eine grosse Leere und ich suche, suche nach etwas Unbestimmbaren in einem grenzenlosen Raum.
Genau so erging es mir nach dem Lesen des Zitats.
Unvermutet entsteht ein Lichtschimmer am Horizont und ich denke beispielsweise an Gottfried Benn. Ich suchte in meinen Geschichten und
wurde fündig, 25.10.09, Eure Etüden:
(„Am Schlimmsten: nicht im Sommer sterben, wenn alles hell ist und die Erde für Spaten leicht.“
Mit diesem lakonischen Hinweis beendet Gottfried Benns sein Gedicht „Was schlimm ist“ und gibt damit eben jenem schwer greifbaren Gefühl
Ausdruck, das sich irgendwo zwischen heiterer Ironie und zynischer Schicksalsergebenheit befindet.) Benn starb im Juli.

Ich schaue fragend an die Wand, betrachte fremdartige hinterindische Malereien und wieder holt mich Benn ein und ich google: Benn Gainsborough.

Teils, Teils

In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs
wurde auch kein Chopin gespielt
....... ..... ..

Fragen, Fragen! Erinnerungen in einer
Sommernacht
hingeblinzelt, hingestrichen,
in meinem Elternhaus hingen keine
Gainsboroughs
nun alles abgesunken
teils-teils das Ganze
Sela, Psalmenende.

Gottfried Benn * 2. Mai 1886 in Mansfeld, Brandenburg; † 7. Juli 1956 in Berlin.  Arzt, Dichter und Essayist.

http://www.gedichte.vu/?teils-teils.html
Das Laden von Teils, teils dauert etwas,
dafür kann man es sich von Benn vorlesen lassen!

http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Benn

(1) http://forum.thailand-tip.com/index.php?topic=1868.msg117989#msg117989

(2) http://forum.thailand-tip.com/index.php?topic=1225.msg116469#msg116469

(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Gainsborough

« Letzte Änderung: 08. Mai 2010, 23:05:43 von Low »
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Ban

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1102 am: 09. Mai 2010, 01:00:20 »

.. lese ich da ein wenig Schwermut heraus?

BAN
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Low

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Schwermut?
« Antwort #1103 am: 09. Mai 2010, 23:44:14 »

Schwermut?

Danke Ban. Nein.

Es war eine fast absurde Wortklauberei,
ausgelöst durch gam:
 Re: Tagebücher Prügelecke
« Antworten #94 am: Gestern um 00:37:30 » Zitat  

--------------------------------------------------------------------------------
Zitat von: Low am 30. April 2010, 00:20:48
Ich spreche ausser der emmentalischen Hochsprache keine einzige gängige Fremdsprache. Die Verständigung mit Dick beruht auf einfachen ....

Wohl die Voraussetzung hier um sich bestens auszukennen.... urteilen und richten...
Weiter so Low


Meine Frage:
Rosine oder bittere Pille?
wurde von Benn qualifiziert beantwortet mit teils, teils.

Die Stimmung liegt: (Zitat)
„zwischen heiterer Ironie und zynischer Schicksalsergebenheit.“
Ich sollte Minderheiten ebenfalls eine Chance geben.

Das Verurteilen und Richten überliess ich meist den qualifizierten Lesern,
mit dem ungeschriebenen Hinweis: Honi soit qui mal y pense! (1)

Werden weitere Erklärungsversuche, eventuell betreffend körperlicher anstelle verbaler Verständigung mit einer Partnerin erwartet, nur weil einige während
des Vollzugs des Beischlafs wie gedankenlos plappernde Fussballreporter dauernd in Fäkalsprache kommentieren?

Damit beende ich meine sprachlichen Exkursionen und werde mich demnächst wieder um den real existierenden Schlendrian bekümmern, der einzig und allein
die Region HangDong und meine nähere Umgebung heimsucht.
Nein, man lese und staune über die Erfahrungen von mfritz31. (2)
Gute Nacht, Freunde. (3)

(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Honi_soit_qui_mal_y_pense
(2)
http://forum.thailand-tip.com/index.php?topic=5607.msg118300#msg118300
(3)
http://www.i-songtexte.com/8878/titel/index.html



« Letzte Änderung: 09. Mai 2010, 23:50:24 von Low »
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drwkempf

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1104 am: 10. Mai 2010, 03:59:24 »

Lieber Low,

ich folge Dir in allem, nicht aber in "(3)"!

Ich hatte mir das anders vorgestellt. Ich wollte beim Trinken sitzen, die "Zigarette" im Stehen würde mich zur Zeit körperlich heftig fordern.
Du solltest also mindestens so lange hier ausharren, bis ich es nach Chiangmai geschafft habe - und am besten noch sehr viel länger!
Ich bin keineswegs der einzige, der auch weiter darauf hofft, Deine ganz spezielle Sicht der Dinge kennenzulernen.
Zur Zeit bin ich selbst noch etwas invalide und fordere daher ohnehin Deine Geduld.

Ich baue darauf, dass Du meine Rekonvaleszenz mit Deinen Geschichten weiter maßgeblich förderst.

Herzliche Grüße an Dick
Wolfram

PS: ich trinke Rotwein!
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Low

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Schulunwesen
« Antwort #1105 am: 10. Mai 2010, 22:34:51 »

Schulunwesen                                            Mai 2010

Erinnern sie sich an ihre Schulzeit und an einige lustige Episoden?
Vergassen sie bereits alles, was einmal eingepaukt wurde? Wie sind die Eindrücke im Nachhinein? War es vergeudete Zeit oder war es eine
Schule fürs Leben?

Ich treffe immer wieder mit Schülern, Schulen und Lehrern zusammen. Ich bin dankbar, dass ich dem hiesigen Monstrum genannt Erziehungswesen
entgehen konnte, obwohl ich mein ganzes Berufsleben mit wenigen Ausnahmen in Hochschulen verbrachte.
Es dürfte an die zehn Jahre her sein, als sich ein Bekannter zum Englischlehrer ausbilden liess. Mit viel Freude und Zuversicht sah er seiner
neuen Aufgabe entgegen. Frust und Verzweiflung überfielen ihn schneller, als er es sich während nichtorganischen Schlafstörungen ausdenken
konnte. (1)
Er sprach meist Monologe vor grösstenteils uninteressierten Schülern, welche schliefen, telefonierten, mit unbekannten elektronischen Geräten
hantierten, nachhaltig Mangas studierten, Fingernägel lackierten oder sich draussen intensiv auf die Fussballweltmeisterschaft vorbereiteten.  (2)
Bloss zwei, drei machten aktiv am Unterricht mit. Die erhielten arbeitsbezogene Noten.
Den andern verteilte er im Zeugnis als Leistungsausweise bloss Kartoffeln. Er wurde zum distinguierten Herrn Direktor zitiert. Der erklärte ihm
ausführlich, dass vermögende Eltern viel Geld bezahlen würden, und an diesem ausgewählten Institut nur beste Noten für ihre wohlbehüteten
Sprösslinge erwarteten. Die Kartoffeln könne er ungewaschen einpacken. Ungenügend würden in diesem Hause mit Weltgeltung höchstens die
Lehrer qualifiziert.
Blitzartig suchte er eine andere Bildungsstätte, denn ab dieser Preislage darf man nicht mehr von Schulen sprechen. Er wechselte verschiedentlich
die Stellen, ich half ihm sogar dabei, bevor er entnervt aufhörte und sich fortan nur noch dem einträglichen Privatunterricht in Herrschaftsvillen widmete.

Schule ist bei uns zur Zeit aktuell, weil wir einen Schüler beherbergen. Er schaffte die Aufnahmeprüfung. Dreihundert Kinder bewarben sich.
Fünfzig wurden ausgewählt. Zweihundertfünfzig Kinder fanden trotz Schulpflicht nirgends einen Platz. Was machen die nun?
Danach folgten unsere ersten Begegnungen mit dem Lehrkörper.
Die Finanzierung des Betriebs wurde eingehend durchleuchtet und erklärt. Was kostet wieviel? In der Schule gibt es einen Personenaufzug,
der von den Kindern nicht benutzt werden darf. Der Lift muss periodisch gewartet werden. Da fallen Kosten an. Folglich bezahlen alle Eltern
einen Beitrag an den Unterhalt.
Beim PC ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass die Kinder diese Geräte hoffentlich benutzen dürfen. Da läpperte sich bei etwa acht Punkten
einiges zusammen, rund viertausend Baht. Das ergibt für eine Klasse 200 000 Baht.
Bei fünf Klassen, nur die Dreizehnjährigen gerechnet, ergibt das eine stolze Million. Bei drei Jahrgängen sind es drei Millionen. Das sollte knapp
reichen für bescheidene Revisionen.
Wenn ihr nun denkt, dass man am vorgesehenen Tag zur Schule geht und den Betrag abgibt, habt ihr euch wieder verrechnet. Jede einzige
Kostenstelle wird separat angelaufen, bezahlt und verbucht. Ordnung muss sein. Vor allem bei diesen Millionenbeträgen.

Mae erhielt ein mit stolzem Gummiadler dekoriertes Merkblatt. Da wurde erwartet, dass sich die Schüler mit Begleitperson am 6. Mai um 08 00
zwecks Einführung in den Schulalltag und zu allgemeine Abklärungen einfinden werden.
Als meine zwei Leute am sechsten Mai etwas vor acht das Schulareal betraten, waren verschiedene Lehrer und Schüler bereits seit 07 30 im
Park beschäftigt.
Die heikelste Bitte der Schulleitung an die zukünftige Elite des Landes war, mehr Zurückhaltung im sexuellen Bereich zu üben. Letztes Jahr hätten
mehrere Mädchen und Burschen die Schule geschwänzt. Schwerpunkt letzteres. Dabei seien etliche bloss dreizehnjährige Mädchen geschwängert
worden. Die nehmen es offenbar bitter ernst mit aktiver Aufklärung.
Unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht würde neu mit ungenügenden Noten und Schulverweisen bestraft.
Derweil rückte ein adrettes Pummelchen mit knospenden Brüsten zu Mowgli auf Tuchfühlung! Bereits kurz nach 10 00 wurden die Kinder mit der
Aufforderung entlassen, am nächsten Tag pünktlich um 07 00 zu erscheinen.
Mowgli verliess das Haus vor 06 30 Uhr und wartete um 07 00 mit den anderen Baby-Studenten vergeblich auf einen Lehrer. Der massgebenden
Person entging es, Kindern und Erziehern mitzuteilen, dass der Termin verschoben wurde.

Während an anderen Lehranstalten der reguläre Betrieb, was immer das bedeuten mag, längst aufgenommen wurde, war am 10. Mai Uniformenbezugstermin.
Dabei muss es sich um etwas sehr kompliziertes handeln, denn die beiden M’s, Mae und Mowgli waren über zwei Stunden abwesend. Ich konnte
mir vorstellen, dass auf den Körper dressierte Seidenraupen ihre Arbeit direkt am Mann verrichteten.
Bedaure, ich täuschte mich. Der junge Herr benötigt vier verschiedene Uniformen pro Woche und drei Paar Schuhe, mit angepassten Farben zu
den Dienstanzügen, braun, schwarz und ich erinnere mich schlecht – rot oder gelb.
Für paramilitärische Übungen gibt es eine Art Pfadfinderuniform mit neckischem Fallschirmspringer Beret. (3) Weil die flotte, windschlüpfrige Mütze
drei Jahre halten muss und entsprechend gross gewählt wurde, dienen die Ohren zur Zeit als Schutz fürs Sehvermögen.
Dieser riesige Aufwand wird betrieben, so dass -  wie ich es beinahe täglich erlebe, nach Abschluss der Schulpflicht zur Addition von 27 + 13 ein
chinesischer billigst Taschenrechner bedient werden kann.

(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Nichtorganische_Schlafst%C3%B6rung
(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Manga
(3)


Fakts, nicht Fiktion.
Ich verurteilte und richtete niemanden.
Auf Reaktionen bin ich trotzdem gespannt.
Antworten bitte nicht in den Prügel verschieben.
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Irrtum aus Hinterindien
« Antwort #1106 am: 12. Mai 2010, 14:47:10 »

Kleiner Irrtum: Schule kennt jeder. Ich erwartete eigentlich eine Menge Antworten.

Sauerkraut, Devisen, Brot und Bier eignen sich besser als Foren-Gesprächsstoffe. Dennoch fand ich den Blick hinter die Kulissen einer Schule
interessant. Bei aussergewöhnlichen Ereignissen in Mowglis Alltag werde ich die Leser orientieren.

Mein nächster Aufsatz erwähnt ganz am Rande ebenfalls eine Bildungsstätte, jedoch der gehobeneren Preisklasse. Wie viele Uniformen und Schuhe
dieser Junge benutzt, weiss ich noch nicht. Aber ich berechnete, dass für die Kosten eines Kindes an diesem Prestigeinstitut an Mowglis ehemaliger
Schule fünfzig Kinder Unterricht geniessen konnten.  Im direkten Vergleich der Knaben, ich weiss ich bin Partei, sind Mowglis weit günstiger
erworbenen Kenntnisse entsprechend. Dazu ziehe ich sein bescheidenes und unaufdringliches Benehmen vor.


Jean Rostand,  30. Oktober 1894, Paris – 4. September  1977, Biologe und Schriftsteller, meinte:
„Arroganz ist das Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes.“
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drwkempf

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1107 am: 12. Mai 2010, 20:56:23 »

Lieber Low,

Du warst diesmal wohl mit Deiner Kritik zu schnell!
Deine Schilderung der Schulumstände des bewussten jungen Mannes macht erst einmal betroffen, was soll man dazu auf die Schnelle sagen - außer "die sind so"?
Ich fürchte, dass es auf den echten highso-Schulen eher noch schlimmer zugeht.
Hoffentlich lernt der junge Mann jetzt wenigstens etwas mehr als auf den Dorfschulen. ???

Ob ich mich an meine Schulzeit erinnere? Aber ja!
Ich habe in meiner Schulzeit neben den weniger begabten und guten Lehrern auch eine ganze Reihe guter bis hervorragender Lehrer gehabt, denen ich vieles zu verdanken habe.
Das ging bereits in der Volksschule los, die ich vier Jahre besucht habe.
Als ich aufs Gymnasium wechselte, konnte ich die Grundlagen des Lesens, Schreibens und Rechnens anwenden, etwas, was heute kaum noch ein Grundschüler in gleicher Weise von sich behaupten kann.
Auf dem humanistischen Gymnasium habe ich neben Latein und Altgriechisch meine Muttersprache zu beherrschen gelernt, habe erfahren, wie vielfältig und ausdrucksstark unsere Sprache ist, habe die deutsche Literatur kennen und lieben gelernt.
Wichtiger allerdings ist geblieben, dass man mir das Denken beibebracht hat. Erst zu diesem Zeitpunkt habe ich dann auch verstanden, wozu ich Latein und Griechisch lernen musste. Heute bin ich meinen Eltern dafür dankbar, das sie diesen Schultyp für mich ausgesucht haben, Naturwissenschaften habe ich später auch noch so beigebracht bekommen, dass es für meinen Beruf mehr als ausreichend ist.
Ob ich ein guter Schüler war? Eher nicht!!! }} {:} {+
Lange Jahre lief die Schule so nebenher, erst in der damaligen Oberstufe des Gymnasiums begann ich den Ernst der Lage zu begreifen.
Am Ende ist Gott sei Dank doch noch etwas aus mir geworden...

An unseren Schulen in Baden-Würstchenberg herrschte damals das absolute Leistungsprinzip, verschenkt wurde nichts, höchstens einmal schlechte Schulnoten. Die Begründung war höchst einfach: Wenn wir euch nichts beibringen, wird nichts aus euch! Oder auf lateinisch: Non scola sed vita discimus. (Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben). Oder alternativ: Per aspera ad astra. (Nur durch harte (Schule) kommt man an die Spitze - in der Schülerübersetzung hieß das dann: Durch Scheiße zum Preise).
Bei allem blieb Zeit genug, seine Jugend zu leben.
Wenn ich heute den Schulalltag aus der gebotenen Entfernung betrachte, so habe ich den Eindruck, dass mit wesentlich mehr Aufwand viel weniger erreicht wird.

Soviel dazu.

Wolfram
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #1108 am: 12. Mai 2010, 22:22:18 »

Danke Wolfram.

Bei den Schlechtesten war ich jahrelang an der Spitze.
Der Verlust des Gehvermögens nach sechzehn Jahren wirkte sich indessen positiv auf mein bescheidenes Denkvermögen aus.

Heute kriegte ich wieder einen edlen Tritt in den gemarterten Hintern.
Die Schulen in der Provinz Chiang Mai unterscheiden sich kaum von jenen in der Nähe des Urwaldes. Nur die Preise sind leicht realistischer.
Ich werde demnächst darüber berichten.
Leicht geschockt
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dart

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Re: Irrtum aus Hinterindien
« Antwort #1109 am: 12. Mai 2010, 22:39:39 »

Ich erwartete eigentlich eine Menge Antworten.

Bei allem Respeckt, du erwartest in deinem persönlichen Tagebuch zuviel.
Mach einen entsprechenden Thread zum Bildungssystem auf, in dem für Jedermann eine einfach verständliche Ausdrucksweise benutzt wird, und es werden User mitdiskutieren. ;)
BTW, deine Postings außerhalb deines Tagesbuches, sind vielfach nur kurze 2-Zeiler, ohne jedliche Aussagekraft. ]-[
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