Schulunwesen Mai 2010
Erinnern sie sich an ihre Schulzeit und an einige lustige Episoden?
Vergassen sie bereits alles, was einmal eingepaukt wurde? Wie sind die Eindrücke im Nachhinein? War es vergeudete Zeit oder war es eine
Schule fürs Leben?
Ich treffe immer wieder mit Schülern, Schulen und Lehrern zusammen. Ich bin dankbar, dass ich dem hiesigen Monstrum genannt Erziehungswesen
entgehen konnte, obwohl ich mein ganzes Berufsleben mit wenigen Ausnahmen in Hochschulen verbrachte.
Es dürfte an die zehn Jahre her sein, als sich ein Bekannter zum Englischlehrer ausbilden liess. Mit viel Freude und Zuversicht sah er seiner
neuen Aufgabe entgegen. Frust und Verzweiflung überfielen ihn schneller, als er es sich während nichtorganischen Schlafstörungen ausdenken
konnte. (1)
Er sprach meist Monologe vor grösstenteils uninteressierten Schülern, welche schliefen, telefonierten, mit unbekannten elektronischen Geräten
hantierten, nachhaltig Mangas studierten, Fingernägel lackierten oder sich draussen intensiv auf die Fussballweltmeisterschaft vorbereiteten. (2)
Bloss zwei, drei machten aktiv am Unterricht mit. Die erhielten arbeitsbezogene Noten.
Den andern verteilte er im Zeugnis als Leistungsausweise bloss Kartoffeln. Er wurde zum distinguierten Herrn Direktor zitiert. Der erklärte ihm
ausführlich, dass vermögende Eltern viel Geld bezahlen würden, und an diesem ausgewählten Institut nur beste Noten für ihre wohlbehüteten
Sprösslinge erwarteten. Die Kartoffeln könne er ungewaschen einpacken. Ungenügend würden in diesem Hause mit Weltgeltung höchstens die
Lehrer qualifiziert.
Blitzartig suchte er eine andere Bildungsstätte, denn ab dieser Preislage darf man nicht mehr von Schulen sprechen. Er wechselte verschiedentlich
die Stellen, ich half ihm sogar dabei, bevor er entnervt aufhörte und sich fortan nur noch dem einträglichen Privatunterricht in Herrschaftsvillen widmete.
Schule ist bei uns zur Zeit aktuell, weil wir einen Schüler beherbergen. Er schaffte die Aufnahmeprüfung. Dreihundert Kinder bewarben sich.
Fünfzig wurden ausgewählt. Zweihundertfünfzig Kinder fanden trotz Schulpflicht nirgends einen Platz. Was machen die nun?
Danach folgten unsere ersten Begegnungen mit dem Lehrkörper.
Die Finanzierung des Betriebs wurde eingehend durchleuchtet und erklärt. Was kostet wieviel? In der Schule gibt es einen Personenaufzug,
der von den Kindern nicht benutzt werden darf. Der Lift muss periodisch gewartet werden. Da fallen Kosten an. Folglich bezahlen alle Eltern
einen Beitrag an den Unterhalt.
Beim PC ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass die Kinder diese Geräte hoffentlich benutzen dürfen. Da läpperte sich bei etwa acht Punkten
einiges zusammen, rund viertausend Baht. Das ergibt für eine Klasse 200 000 Baht.
Bei fünf Klassen, nur die Dreizehnjährigen gerechnet, ergibt das eine stolze Million. Bei drei Jahrgängen sind es drei Millionen. Das sollte knapp
reichen für bescheidene Revisionen.
Wenn ihr nun denkt, dass man am vorgesehenen Tag zur Schule geht und den Betrag abgibt, habt ihr euch wieder verrechnet. Jede einzige
Kostenstelle wird separat angelaufen, bezahlt und verbucht. Ordnung muss sein. Vor allem bei diesen Millionenbeträgen.
Mae erhielt ein mit stolzem Gummiadler dekoriertes Merkblatt. Da wurde erwartet, dass sich die Schüler mit Begleitperson am 6. Mai um 08 00
zwecks Einführung in den Schulalltag und zu allgemeine Abklärungen einfinden werden.
Als meine zwei Leute am sechsten Mai etwas vor acht das Schulareal betraten, waren verschiedene Lehrer und Schüler bereits seit 07 30 im
Park beschäftigt.
Die heikelste Bitte der Schulleitung an die zukünftige Elite des Landes war, mehr Zurückhaltung im sexuellen Bereich zu üben. Letztes Jahr hätten
mehrere Mädchen und Burschen die Schule geschwänzt. Schwerpunkt letzteres. Dabei seien etliche bloss dreizehnjährige Mädchen geschwängert
worden. Die nehmen es offenbar bitter ernst mit aktiver Aufklärung.
Unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht würde neu mit ungenügenden Noten und Schulverweisen bestraft.
Derweil rückte ein adrettes Pummelchen mit knospenden Brüsten zu Mowgli auf Tuchfühlung! Bereits kurz nach 10 00 wurden die Kinder mit der
Aufforderung entlassen, am nächsten Tag pünktlich um 07 00 zu erscheinen.
Mowgli verliess das Haus vor 06 30 Uhr und wartete um 07 00 mit den anderen Baby-Studenten vergeblich auf einen Lehrer. Der massgebenden
Person entging es, Kindern und Erziehern mitzuteilen, dass der Termin verschoben wurde.
Während an anderen Lehranstalten der reguläre Betrieb, was immer das bedeuten mag, längst aufgenommen wurde, war am 10. Mai Uniformenbezugstermin.
Dabei muss es sich um etwas sehr kompliziertes handeln, denn die beiden M’s, Mae und Mowgli waren über zwei Stunden abwesend. Ich konnte
mir vorstellen, dass auf den Körper dressierte Seidenraupen ihre Arbeit direkt am Mann verrichteten.
Bedaure, ich täuschte mich. Der junge Herr benötigt vier verschiedene Uniformen pro Woche und drei Paar Schuhe, mit angepassten Farben zu
den Dienstanzügen, braun, schwarz und ich erinnere mich schlecht – rot oder gelb.
Für paramilitärische Übungen gibt es eine Art Pfadfinderuniform mit neckischem Fallschirmspringer Beret. (3) Weil die flotte, windschlüpfrige Mütze
drei Jahre halten muss und entsprechend gross gewählt wurde, dienen die Ohren zur Zeit als Schutz fürs Sehvermögen.
Dieser riesige Aufwand wird betrieben, so dass - wie ich es beinahe täglich erlebe, nach Abschluss der Schulpflicht zur Addition von 27 + 13 ein
chinesischer billigst Taschenrechner bedient werden kann.
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Nichtorganische_Schlafst%C3%B6rung(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Manga(3)
Fakts, nicht Fiktion.
Ich verurteilte und richtete niemanden.
Auf Reaktionen bin ich trotzdem gespannt.
Antworten bitte nicht in den Prügel verschieben.