Hoffen wir, dass Cee mittlerweile ganz in Airolo angekommen ist.
Währen dem ertastete ich langsam aber sicher Version 60 der folgenden Geschichte.
Wesentliche Änderungen betrafen den Schluss. Anstatt einem heuchlerischen Dank an das weibliche Geschlecht, brachte ich den realistischeren
Satz mit der Katz.
Bunte Abende am Reisfeld 23. Sept. 2010
In den frisch angepflanzten Reisfeldern quacken Frösche. Sie sind ahnungslos, dass sie sogar in unseren Küchen zu Suppen oder
Froschschenkelragout à la mode du Patron mit einem Spritzer Mae Khong verarbeitet werden.
Mücken schwingen sich elegant mit zarten Flügeln zum Jungfernflug in den Himmel. Man glaubt gar nicht, dass die anmutigen Dinger tödlich
stechen könnten. Da besteht wenig Unterschied zu Bar-Girls, mit der kleinen Differenz, dass diese gestochen werden.
Wenn Mowgli um etwa fünf Uhr nach Hause kommt, muss er zuerst seine oft überreichlichen Schularbeiten erledigen. Dabei helfen ihm je nach
Sachgebiet Dick, eine jüngere Lehrerin im Ruhestand oder meine Wenigkeit. Zwischen sieben und acht Uhr sind Dick und ich in der Küche beschäftigt.
Der Knabe deckt, sofern die Zeit reicht, sorgfältig den Tisch. Danach gibt es Abendessen. Gestern waren es mit Garnelencocktail gefüllte
Avocadofrüchte und Knoblauchbrot.
Wenn er Glück hat, sind die Aufgaben bereits gemacht. Dann haben wir knapp Zeit für angeregte Diskussionen, hören Musik oder sehen
Bruchteile eines Films. Um neun Uhr muss Bübchen ins Bett, sonst verschläft er in der Frühe.
Vor einigen Wochen wurde Mowgli in der Schule eine Klarinette in die Hand gedrückt. Ich fragte ihn:
„Welche Firma baute das Instrument und wie alt ist die Klarinette?“
Bereits am nächsten Tag erhielt ich kompetente Antworten:
„Die Klarinette ist von Yamaha und sie ist sehr alt, von 1887.“
Unglaublich. Ich googelte und sah, 1887 wurde die Firma gegründet.
Die Schule hat ein Orchester und damit permanent Nachwuchsprobleme.
Die meisten Schüler zeigen wenig Interesse und geben nach wenigen Wochen wieder auf. Üben ist problematisch, denn die Instrumente
bleiben begreiflicherweise in der Schule. Die Gründe sind vielschichtig:
- Mangelnde Sorgfalt,
- Vergesslichkeit,
- Beschaffungsdelikte:
Die Instrumente werden von Familienmitgliedern gegen Drogen und ähnliche lebenswichtige Güter wie Motorräder eingetauscht.
- Die Musikinstrumente gehen schlicht verloren.
Wie verliere ich eine Klarinette, oder noch besser, eine Tuba?
Dafür gab es Wochenend-Ausbildung in der Schule. Da wurden die jungen Bläser Sonntags auf elf Uhr aufgeboten. Die erste Lehrkraft erschien
erst gegen ein Uhr. Mae wartete und protestierte nach Noten, es sind ja schliesslich Musiklehrer.
Die ersten Wochen blies der Knabe bloss. Keine Noten, nur Atemtechnik. Seine Kameraden bliesen bereits zwei Monate.
Ich zeigte Mowgli, dass man ähnlich wie Zahlen und Buchstaben Noten schreiben kann. Dann liess ich ihn Violinschlüssel zeichnen, denn wer ein
@ hinkriegt, sollte weitere Kurven mit Vergnügen schaffen.
Die Noten lernte er spielend auf
http://www.musica.at/musiklehre/notenspiel/notenspiel.htmlwo er mit Mausklicks die richtigen Noten wie Enten abschoss.
Sobald der Violinschlüssel einigermassen beherrscht wurde, wechselte das perfide Programm in den Bassschlüssel.
Was Kurt Hiltawsky mit seiner Klarinette anstellte, demonstrierte ich mit einer alten Aufnahme von Gershwins “Rhapsody in Blue“,
Dirigent Kurt Masur. (1) Das waren noch VEB Zeiten!
Ganz andere, alte Tonaufnahmen mit Monty Sunshine, (2) noch älter mit Benny Goodman (3) oder Sydney Bechet (4) lagen Mowgli weit näher.
Auf die Dauer genügten PC und Maus nicht mehr und ich kaufte ein Keyboard. Dort suchten wir erst nach dem C. Aus dem Internet druckte ich
“Happy Birthday“ und er begann relativ harzig zu lesen und zu spielen, jeden Tag ein Bisschen besser.
Eines Abends, beim Essen im Restaurant Regenwald, feierte jemand Geburtstag. Zum ersten Mal hörte er die ihm bloss vom Üben bekannte
Melodie. Das war der Durchbruch zum Sieg über die tückischen Noten.
Zur Zeit sind in der Schule täglich Prüfungen. Kurzerhand wurde der Musikunterricht für mehrere Wochen eingestellt. Nach meiner Meinung sollte
Mowgli sich täglich eine halbe Stunde mit der Klarinette beschäftigen, so dass Atemtechnik und Fingerfertigkeit erhalten bleiben.
Wenn er weiter vom Instrument begeistert bleibt, schreibe ich aus all diesen Gründen demnächst ein Inserat:
„Klarinette zu kaufen gesucht.“Im Notfall könnte ich sie gegen Lao Khao eintauschen! Diese Instrumente beherrsche ich ausgezeichnet, denn Flaschen haben nur ein Loch.
Je mehr Löcher, desto komplizierter wird die Angelegenheit für mich, beispielsweise Frauen. Doch sie vermitteln den bunten Abenden am Reisfeld
viel Farbe. Und wenn dann unverhofft der elektrische Strom und damit die Beleuchtung ausfällt, sind schlagartig alle Katzen grau.
Facts, not Fiction aus anderen Galaxien.
Low
(1)
CD: DGG Favorit, Rhapsody in Blue, 423 771-2
Mit Paola Bruni:
oder
(2)
(3)
(4)