Der Schatz am Lhotse
Nepal
Als die um ihre Gesteine betrogenen Italiener die Lastwagen zurückgaben, blieben die meisten der verbeulten Behälter im Kathmandutal.
Dort gab es früher drei Königreiche, mit Betonung auf reich an Kulturgütern: Kathmandu, Patan und Bhaktapur.
Ein fleissiger Handwerker erstand die Metallkisten günstig, beulte sie in monatelanger Handarbeit aus und lackierte sie mit hochglänzendem
Bleiweiss, (12) das er als Restposten billig zusammenkaufte. Seit mehr als einem halben Jahr wartete er vergeblich auf Käufer für die glänzenden
Behälter in seinem Gemischtwarenladen, halbwegs zwischen Kathmandu und Patan.
Als die Leute aus Tulsa in Kathmandu ankamen, wurden sie am Flughafen von wenigen Amerikanern um so herzlicher begrüsst. Sie bezogen ihre
Quartiere im Thamel Quartier, kühlten ihren Durst mit überteuertem Everest Bier und stellten erfreut fest, dass es sogar eine Pepsi Fabrik gab.
Bei ihren Spaziergängen konnten sie es nicht lassen, ihre Dollars bereits in zweifelhafte Souvenirs oder handgewobene Seiden zu investieren.
Die berühmte Tempelanlage mit der Swayambunath Stupa lag weithin sichtbar auf einem Hügel, knapp vierzig Minuten Fussmarsch von Thamel
entfernt.
In der Nähe von Kupondole entdeckte ein Mitarbeiter weisse Blechkisten, die sich hervorragend für etwaige Transporte eignen würden.
Dass viele Bars bereits um zehn Uhr schlossen, bereitete ihnen keine Probleme, denn in Tulsa im Bible Belt kannte man die Prohibition. Der freie
Alkoholausschank war stark eingeschränkt. (13) Ähnliches kennen wir im LOS.
Jim verbrauchte in Indien viel Wrigley und liess im Rahmen indisch-amerikanischer Völkerverständigung Unmengen von Tüten-Gummi liegen.
Nach der Landung war er in bester Laune und wollte sich sofort mit der Gruppe und den nepalesischen Begleitern treffen. Die Ausrüstung sollte
ergänzt werden.
Ferner benötigte er Behälter für Gesteinsproben. Er vernahm erleichtert, dass ein Mitarbeiter Transportkisten aus lackiertem Stahl gesehen hatte.
Der Abmarsch zum Berg in wenigen Tagen sollte mit Akklimatisierungsphasen knapp drei Wochen dauern. Er selbst verzichtete auf den Flug nach
Lukla, sondern marschierte mit seinen Leuten, um sich die nötige Kondition für den Berg und das Sammeln der Gesteine holen.
In Namche Bazaar, 3440 Meter über Meer betrug der Sauerstoffgehalt der Luft noch fünfzig Prozent des üblichen Wertes. Fast die Hälfte der
Mitarbeiter zeigten Erschöpfungszustände, während die Nepalesen des Trupps mit der Höhe keine Mühe bekundeten und munter die schweren
Lasten schleppten.
Jim setzte den Anmarsch und Aufstieg zum Lhotse mit reduzierter Mannschaft fort. Ab 4500 Metern litt er unter Kopfschmerzen und einschneidenden
Konzentrationsstörungen. Er liess sich wenig anmerken. Sie schlugen ein Lager auf und wollten sich am nächsten Tag ganz dem Probensammeln
widmen. Er sah ein, dass er unmöglich höher steigen und wesentlich näher an den Berg gelangen könnte.
Etwas Sauerstoff im Zelt brachte Linderung, leider nicht lange. Nach all den Jahren in der Prärie wirkte der mächtige Berg irgendwie bedrohlich
und bedrückend auf das Team kleiner Ameisen davor.
Am nächsten Tag drehte sich der Lhotse vor seinen Augen. Er konzentrierte seine Blicke auf den Boden. Siehe da, inzwischen Schnee und Eis
entdeckte er die Spitze einer kleinen Pyramide aus kantigen, anscheinend frisch geschlagenem Gestein. Er untersuchte die Stücke und bemerkte
gleich, dass alles zumindest ähnliches Material war. Er nahm sein Feldbuch, notierte Ort und Zeit und liess seine Helfer den Schatz konfiszieren
und registrieren. Das Beste war, dass all das Zeug genau in eine seiner Kisten passte.
All die kleinen Schein-Opfer in den Heiligtümern am Wegrand schienen die Götter Nepals gnädig zu stimmen. Jim torkelte einige Dutzend Schritte
und er entdeckte diesmal einen Quader aus frisch gebrochenen Gesteinstücken, ein anders Profil als zuvor, aber alle Stücke gehörten zur selben
Familie. Er zückte das Feldbuch und dann waren seine wenigen Assistenten beschäftigt, denn die Sherpas konnte er nicht mit wissenschaftlichem
Kram belasten.
Sie arbeiteten den ganzen Tag. Jim fand im Höhenrausch an verschiedenen Stellen mehr geschlagenes Gestein, als er es sich in den kühnsten
Träumen ausdividieren durfte. Sie übernachteten wieder im selben Camp und traten am nächsten Tag den beschwerlichen Rückweg an. Der Chef
versiegelte mit Schlössern der US Army die schneeweissen Kisten persönlich.
Zurück in Namche Basaar wurde der Teilerfolg der Expedition gefeiert. Alle Teilnehmer, Steine und Sherpas flogen ab Lukla nach Kathmandu in
die Zivilisation.
Tulsa
In Tulsa zeigten die GANS Champions atemberaubende Dia-Shows aus Nepal. Fremdartige, hinduistische und buddhistische Tempel aus den
Städten. Bilder vom gewagten Trekking über Hängebrücken, bis zu den gewaltigen Gebirgsketten der Achttausender. Jeder nahm an, die Kollegen
seien oben gewesen und hätten auf den Rest der Welt herunter gepinkelt. Jeder drittklassige Detektiv hätte den Weg der Expedition an Hand der
weggeschmissenen Wrigley Verpackungen nachvollziehen können.
Als endlich die weissen Kisten mit den Gesteinen eintrafen, notierte der diensttuende Angestellte sorgfältig die Gesteinsnummern und sämtliche
Details, bevor er die ungewaschenen, mit einer unauffälligen Puderschicht bedeckten Stücke teilweise für Dünnschliffe, grösstenteils für die
Steinbrecher freigab. Danach herrschte in sämtlichen GANS Laboratorien für Monate Hochbetrieb.
Als nach langer Zeit Jim und die GANS Mitarbeiter all die Resultate in Excel gespeichert hatten und mit Access hunderte von Analysen verglichen,
sah er plötzlich nur noch zwei Möglichkeiten:
Entweder, die Geschichte der Entstehung des Himalayas musste neu geschrieben werden, oder – der Weltuntergang am 21. 12. 2012 findet
wirklich statt. (14)
Jim war ahnungslos, dass er die Proben der Italiener viele Kilometer von ihrem Ursprungsort entfernt gefunden hatte und dass die gesammelten
Gesteine durch eine zusätzliche Bleibehandlung ähnlich dem Labor von Bombay im Prinzip undatierbar wurden.
Ist es nicht so, dass die menschliche Seele durch Fremdeinflüsse, es muss nicht unbedingt eine Blei-Keule sein, derart geschädigt werden kann,
dass sie unansprechbar wird und praktisch jegliche Kommunikation versiegt?
Das persönliche Glück liegt nicht irgendwo in Eis und Schnee begraben am Fusse des Lhotse, sondern in der Reichweite eurer Arme und Empfindungen.
(12)
http://de.wikipedia.org/wiki/Bleiwei%C3%9F(13)
http://en.wikipedia.org/wiki/Bible_Belt(14)
http://www.unmoralische.de/weltuntergang.htmEnde