Kabale und Triebe Jan./ Feb. 2011
Teil 1
In der Schule behandelten wir im Musik- und Sprach-Unterricht während Wochen die Zauberflöte. Gemeint ist das von Wolfgang Amadeus
Mozart komponierte Singspiel mit Orchesterbegleitung. Das Libretto schrieb angeblich ein Emanuel Schikaneder. (1)
Im Singsaal krächzten sonderbar schrille Stimmen begleitet mit Knackgeräuschen und Klavier von uralten Schellackplatten, Vorkriegsware,
undefinierbar im Raum. (2) Die Technik interessierte mich mehr als die Geräusche, denn mit wirklicher Musik hatte der Lärm wenig Ähnlichkeit.
Das Ziel war, dass eine Horde prügelnder pubertierender Knaben die Aufführung des Werkes im altehrwürdigen Stadttheater verfolgen und
geniessen sollte. In der Folge waren uns Personen wie Paparazzi und Papagalli geläufig, ich meine natürlich Papageno, Papagena und Pamina.
Als wir dann durch Krawatten und viel Brillantine in den Haaren verstärkt im Theatersaal gespannt warteten bis sich der Vorhang endlich hob,
gab es anstelle von Emanuel Schikaneder Friedrich Schiller: Kabale und Liebe. (3)
Ein als bürgerliches Trauerspiel zu bezeichnendes Drama erlebten wir in den vergangenen Wochen durch die niederträchtige Handlungsweise
sogenannter Vertrauenspersonen. Oder würden sie ihren wertvollsten Besitz, ihre Kinder, Erpressern, Lügnern, Gaunern und Schurken
anvertrauen?
Dick hatte seit Wochen einige Geschäfte in Phitsanulok zu erledigen. Wir dachten daran, Mowgli zur Bildungsreise mitzunehmen, denn übliche
Schulreisen enden in Einkaufsparadiesen. Am Central Airport Plaza in Chiang Mai zählten wir auch an schlechten Tagen mindestens fünfzehn
Reisebusse diverser Schulen. Kinder ohne Taschengeld übten den halben Tag für die Weltmeisterschaften im Rolltreppenstrammstehen. Die
sportlichen Dummköpfe unter ihnen besprangen die Treppen in der Gegenrichtung. Übergewichtige Schüler bevorzugten nach einem Happy
Meal oft Lifte als Dauerpassagiere. Wäre ich heute Medizinstudent, würde meine Dissertation lauten: Reizgefühle im jugendlichen Darm beim
brüsken Abbremsen eines Liftes mit einem Viertelpfünder im Magen.
Als Dick in der Schule vorsprach und ihr Begehren für die Reise anmeldete, drohte die Schulleitung damit, dass demnächst ein absolut
lebenswichtiges Pfadfinder-Lager auf dem Programm stehe. Sollte Mowgli fehlen, würden wir später auf ein Abschlusszeugnis der Schule wohl
vergeblich warten.
Dick erhielt eine Liste von Gegenständen, welche die Teilnehmer mitbringen mussten. Wir bereiteten alles vor. Der Gatte und Ehegemahl der
Raumpflegerin würde Mowgli ins Lager fahren. Am Tag unserer Abreise rief einer der Lehrer an, Mowgli müsse zusätzlich ein Zelt mitbringen.
„Etwas zu spät, Herr Oberlehrer. Wir fahren auf der Autobahn. Da gibt es leider nur sehr beschränkt Zelte zu kaufen!“
Am Donnerstagmorgen war Mowgli bereits um sieben Uhr am künftigen Lagerplatz. Er erzählte uns am Telefon, dass viele Knaben, jedoch keine
Lehrer oder Aufsichtspersonen an Ort seien. Wahre Ware Freiheit im Land der Freien. Welch ein grosszügiger Unterschied zur alten Welt,
wo pingelige Lagerleiter meistens bereits am Vorabend das Gelände rekognoszieren und vorbereiten.
Am späten Freitagnachmittag erhielten wir die Meldung, dass Mowgli schon wieder zu Hause sei. Er sei beim Spiel gestürzt. Die Schule hätte
ihn ins Spital zur Untersuchung gebracht. Man hätte keinerlei Brüche oder Schäden festgestellt.
Wir wußten, seine Betreuung war gesichert und machten uns wenig Sorgen. Trotzdem beschlossen wir, einen Tag früher als vorgesehen,
bereits am Samstag am frühen Abend zu hause zu sein, um im Bedarfsfalle beistehen zu können.
Mowgli und die Putzfrau erzählten uns dann ihre Versionen der Geschichte.
Mowgli fand einen Platz in einem sechser Zelt. All die andern Knaben besaßen Telefone mit eingebauten Kameras. Sie nutzen die Linsen nicht,
um Fauna und Flora der Umgebung zu filmen. Sie onanierten Tag und Nacht und hielten ihre ausdrücklichen Samenergüsse eindrücklich mit
der Kamera fest. Diese pornografischen Meisterwerke wurden dann via Telekommunikation zu Fachleuten in die andere Zelten übermittelt.
Weil Mowgli weder überbordende Lust noch über einen einschlägigen Telefonanierografen verfügte, verdammten ihn seine wild spritzenden
Kameraden zum Schmiere stehen vor dem Zelt.
Als er lange nach Mitternacht müde wurde, in der Kälte schlotterte und einen Lehrer suchte um Verrat zu begehen, hatte die Aufsichtsperson
keine Zeit, sich um die Kleinen zu kümmern. Die älteren Schüler benötigten angeblich strenge Überwachung. Die verlustierten sich nicht nur mit
Genitalien. Sie hatten Alkoholika, sie rauchten, qualmten und konsumieren Drogen. Gute Nacht!
Als Mowgli nach einer praktisch schlaflosen Nacht unmittelbar nach dem Frühstück bei einem Spiel laufen sollte, wurde ihm schwindlig und er
stürzte. Die Lehrer schleppten ihn in ein Zelt. Einer der Lazarettgehilfen verstopfte seine Nasenlöcher mit Tiger-Balsam! Mowgli verträgt die
Schmiere nicht und erbrach prompt sein Morgenessen.
Fortsetzung folgt.
Bedingt durch die Geschichte nutzte ich die Gelegenheit, um mir einige neuere Ausschnitte aus der Zauberflöte auszusuchen und anzuhören.
Die Ausnahme ist die nicht ernst zu nehmende Aufnahme mit Frau Foster Jenkins aus dem Jahre 1944.
Viel Vergnügen wünscht
Low
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Zauberfl%C3%B6teW. A. Mozart - Ouvertüre "Die Zauberflöte" KV 620, Levine
Duett Papageno-Papagena mit Cecilia Bartoli
Diverse Auszüge, Muti 2006
Lucia Popp als Königin der Nacht
Dito:
Die schlechteste Sängerin der Carnegie Hall: Florence Foster Jenkins
Mehr über Florence:
http://de.wikipedia.org/wiki/Florence_Foster_Jenkins(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Schellackplatte(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Kabale_und_Liebe