Andere Klebrigkeiten
Meine abrupten Ausführungen sind häufig schlecht verdaulich und schwer verständlich. Dies zeigen nicht nur rare Antworten, sondern ebenfalls
die Lesbarkeitsquoten nach Flesch, welche sich nach folgender Formel errechnen:
206,835 - (1,015 x durchschnittliche Wortzahl/Satz) - (84,6 x durchschnittlliche Silbenzahl/Wort). (1)
Der Aufsatz “Feuchter Gruss aus Singapur“ ist mit dem Ergebnis 24 niederschmetternd, wenn 100 als verständliche Norm gilt. Werte unter dreissig
werden nach diesem Literaturbarometer als nur für Kakademiker verständlich lesbar eingestuft. Ich schluckte leer. Gleichzeitig zeigt sie die Qualität
der Tip-Forum Leser(innen).
Meine im Hintergrund versteckt lauernde Aussage war: Über 95 Prozent der Bars weltweit brauen Singapur Sling nicht nach dem Originalrezept
von 1936. Sogar die Raffles Bar änderte vor Jahren die Rezeptur und addierte zusätzliche Kohlenhydrate in Form von Zuckersirup. Zucker ist
bekanntlich billiger als Schnaps. Aus Zucker entsteht, wer hätte es gedacht, Alkohol. Dieser Trick wird von geldgierigen Winzern nicht nur in
sonnenarmen Jahren vielfach angewandt. Mit heutigen, teuren Analyseverfahren ist dieser Zucker im Wein nachweisbar.
Schumann’s Bar Buch zeigte bereits1984 Variationen. Auf Vitamine in Form von Ananassaft wurde bewusst verzichtet, jedoch nicht auf Zucker.
Zuckersirup und zusätzlich Grenadine bereichern gegenwärtig fast sämtliche Cocktails. Kein Wunder, wenn unzählige Schlampen nach längerem
Barbesuch besonders süss wirken.
Ich verstehe nicht, dass die sonst erfinderischen Herrschaften ihren verpissten teuflischen und meist überzuckerten Kreationen mit verschiedenen
Ingredienzien keine neuen Namen vermitteln. Beim Benzin mit geringeren Unterschieden funktioniert das.
Bestelle ich einen Lagavulin (2) Single Malt, will ich beileibe keinen Glenfiddich (3). Aber die meisten Gaumen können offenbar die feinen Nuancen
gar nicht feststellen. Wie ich erfahren musste, ist Betrug eher die Regel als die Ausnahme.
Wenn ich nach der Arbeit mit geröteten Augen und trockenem Rachen zu Hause ankam, gab es für mich nach der durch Isotope und Ionen
geschwängerten, steifen Laborluft nur ein Getränk, um meine Radioaktivität abzubauen. Einen Single Malt.
Die damaligen Partnerinnen wirkten öfters als Barfrauen und fragten süss:
„Liebling, wieviel Schnaps geht ins Glas?“
Ich antwortete: „Einen Finger!“
Sie massen dann den Finger, wie Frauen messen, nicht breit – sondern lang - Single Malt als Longdrink.
In Hinterindien ist die Luft weder trocken noch besonders radioaktiv. Eine üppige Schwere, ein Bouquet von Gewürzen, Blumen, Blüten, Curries,
verschiedenem Reis von herb bis süss, Frauen, Hunden, Katzen, Kehricht und Kadaver umsäuseln uns ständig. Flaschen mit gebranntem Malz
sind rar und vorwiegend teuer. Hier bekämpfe ich beim Saufen nicht das periodische System der Elemente, sondern Dummheit und Arroganz,
nicht auszuschliessen meine eigene.
Deshalb sind mir alkoholisierte Fruchtsäfte an die Leber gewachsen. Auf Reisen lernen wir selten genug neue Schöpfungen kennen. Khun Kiatisak
aus Phitsanulok war so freundlich und stellte für uns die Rezeptur des Amore Dreamers des Hauses Yodia zusammen. Der Cocktail wurde hübsch
dekoriert in einer ganzen Ananas serviert. Neben zwei Sorten Rum und Dry Orange Curacao enthält der Mix drei Früchtsäfte und Zucker als Sirup
und zusätzlich den Farbstoff Grenadine (4), als eisgekühlte Klebrigkeit für kalorienbedürftige Kampfkuschler am Spätnachmittag zwischen
17 00 und 24 00 Uhr sehr empfehlenswert.
Nachdem die Preise von praktisch saftlosen Kokosnüssen dieses Jahr teilweise dreissig Baht überschritten, waren wir glücklich in den Ananas
eine preiswerte Alternative für unsere Cocktails zu finden.
Die Kopierversuche des Dreamers verliefen unbefriedigend. Dick schnitt zuviel Frucht weg. Der Cocktail leckte aus den Poren der Ananas oder
man musste sich beim Trinken beeilen. Das Gemisch war viel zu süss.
In der heimischen Bar veränderten wir die Zusammensetzung und begrenzten die Süsse. Wir schmissen die geschnittene Ananas in einen Krug
und setzen sie mit etwas Wachholderschnaps, zwei Sorten Rum und Cointreau über Nacht im Kühlschrank an. Anstelle von Orangensaft und
Zucker benutzt Dick 200 ml leicht herben, frischen Pomelosaft. Aus dem Amore Dreamer wurde der HangDong Sling. Das kalte Getränk beflügelt,
beschwingt Schwengel und hebt nicht nur die Moral.
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Lesbarkeitsindex(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Lagavulin(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Glenfiddich(4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Grenadine_(Lebensmittel)
Schumann’s Bar Buch, 2. Auflage 1984
Wilhelm Heyne Verlag, München