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Autor Thema: Geschichten aus Hinterindien  (Gelesen 449673 mal)

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kaktus

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #105 am: 21. Januar 2009, 07:51:28 »


Illuminati’s Affentheater brachte mich zum Grinsen und ich benötigte mangels Wiener-Schnitzel dringend Bananen.
So böse habe ich das gar nicht empfunden.


ich sehe du hast mich verstanden.  ;D
ich habe nur versucht, deiner bildhaften Darstellung vergleichbares entgegenzusetzen - schon möglich dass mir das nicht gelungen ist, aber man lernt ja jeden Tag dazu - böse war das nicht gemein, das würde anders aussehen.

Gruss

Du hast überhaupt nichts vergleichbare versucht entgegenzusetzt, für mich war das einfach nur gelästere. Du warst auf dem Weg diesen sehr guten Thread zu verhunzen . Zum Glück hast du die Notbremse gezogen.
Wir warten alle drauf bis du gleichwertiges in einem neutralen  Stiel wie alle anderen hier bringst.
Hab da aber so meine Zweifel da deine Mama Mia alles für dich erledigen scheint.
Viele Geschichten die hier geschrieben wurden habe ich selbst auch genau so erlebt. Dieser Thread hat mich immer wieder zum schmunzeln gebracht und ich hoffe es wird in Zukunft so bleiben.
Ich wohne nicht im Norden Thailands oder im Isaan.  Solche Geschichten kann man überall in Thailand erleben. 
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: Kleine und grosse Gauner
« Antwort #106 am: 21. Januar 2009, 12:52:23 »

Kleine und grosse Gauner                         Juni 2007

Wir sind uns gewohnt, dass viel geklaut wird. Diebesbanden aus dem ehemaligen Ostblock machten Euroland unsicher.
Hier sagt man, es seien Burmesen, die alles mitlaufen lassen. Vor kurzer Zeit wurde in HangDong eine Frau wegen 1000 THB und einem Handy umgebracht.
Gleichen Orts übten Burmesen einen Raubüberfall auf die Seven-Eleven Filiale aus. Die Beute war 15 000 THB. Die Polizei schnappte die Täter bereits wenige Stunden später.
In Vietnam klauten Diebe elf Kilometer Unterwasserkabel im Wert von 5.8 Millionen Dollar. Die Internetverbindungen brachen ein.
Hier werden Telefonleitungen und Stromleitungen samt Masten geklaut. Der letzte Horror waren fehlende Geländer an Fussgängerbrücken über Schnellstrassen.
Ob Leichtmetall oder rostfreier Stahl spielte keine Rolle. Die Spezialisten sägten und schweissten.

Viele Tempeltore bleiben geschlossen. Alte Buddhas sind Mangelware im internationalen Antiquitätenmarkt.
In NahmTuang mausten die Dorfbewohner sämtlich Papayas aus dem Garten, obwohl man annehmen kann, dass auf dem Lande Papayas im Überfluss vorhanden sind.
Abgeernteter Reis wird tonnenweise gestohlen. Teilweise scheuten sich die Diebe nicht, die Erntearbeiten in der Nacht gleich in die eigenen Hände zu nehmen.

In vielen kleineren Hotels gibt es keine Minibars mehr. Diese Kästen wurden samt Inhalt ins wartende Auto verschoben.
Als kleine Zugabe dienten die Fernseher. Andere Schlaumeier wiederum soffen den Whisky und füllten die Fläschchen mit Tee auf.
Im Hotel in Uttaradit gab es noch ein Handtuch pro Person, weil die Wäsche verschwand.
Sogar Bibeln, der Koran und die Lehre Buddha’s  in den Nachttischchen fanden Abnehmer, die sich aber kaum am Inhalt erbauten.
Beim Umbau des Beauty Salons verloren wir sieben Quadratmeter Fliesen. Wieviel Zement ich vergeblich bezahlte, entgeht meiner Kenntnis.

Dazu gibt es die Betrügereien ums grosse Geld. In der Silom Road steht der State Tower. Das Gebäude enthält unter anderem 400 Condos, das Lebua ***** Hotel und drei Top Restaurants.
Vor einigen Monaten wurde dort ein Abendessen zelebriert. Der stolze Preis: Eine Million Baht. Sechs mit  Michelin Sternen dekorierte Köche aus Europa verwöhnten 42 Gäste.
Weil nur 17 Idioten bezahlten, lud man 25  Mitesser ein.
Na und? Die Bangkok Bank möchte von den Gläubigern 9,6 Milliarden.
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: FRUST
« Antwort #107 am: 22. Januar 2009, 16:15:03 »

Frust

Ich wurde gebeten, eine reine Farang Geschichte aus Hinterindien zu schreiben. Das ist relativ schwer, denn ich sehe immer das Spannungsfeld
Eindringlinge zu Eingeborenen. Wenn ein Farang stolpert, aus wessen Gründen auch immer, fällt er auf fremden Boden.

Die einzigen Ausnahmen sind das Internet und die Foren. Das ist oft ein Stück Heimat in der Fremde. Es gibt sie immer wieder, die Entwurzelten, die tagelang vor dem PC sitzen und warten.
Wenn in irgend einer Diskussion, ob über Bier oder das Verfallsdatum von Damenbinden - spielt keine Rolle, eine Antwort eintrifft, dann sind diese Haie sofort da und markieren ihre Ansichten überall
wie Hunde, die wahllos Zäune und Bäume bepinkeln. Solche eifrige Schreiber brachten es an manchen Tagen auf fast hundert Eingaben, ohne wesentliche Aussagen.
Das ist schon fast wie zeitgenössische Kunst westlichen Ursprungs.
Wie nenne ich sie als erfahrener Internetnutzer: „Hemmungslose Spammer, Schrecken der Moderatoren!“
Mit meiner selbstsicheren, überlegenen Art fühlte ich mich zuweilen als Retter des Niveaus deutschsprachiger Foren.

Es war beileibe nicht der beste Tag meines Lebens. Das sonst liebe Kind, ganz der Vater, quengelte den ganzen Nachmittag, vielleicht hatte es Fieber.
Beim Messen, verdammt, diese Thais können keine Minute still halten, fiel das Thermometer auf den Boden und zerbrach. Die Quecksilbertröpfchen stoben in alle Himmelsrichtungen.
In Euroland sind Quecksilberthermometer längst verboten. Welch rückständige Technologie!
Das Abendessen war eine halbe Katastrophe. Meine Gabel hätte die einfachsten Reinlichkeitsanforderungen nach ISO 9004 nicht geschafft. Der Parfümreis klumpte wie Klebreis.
Der Fisch roch etwas zu stark und war versalzen. Das eigentlich delikate Gemüse litt unter Fischsaucen-Vergiftung.
Die Köchin war verstimmt, hatte Migräne und, ich glaubte es nicht,  ihre Tage.

Das Fernsehprogramm nach zehn Uhr war unter allem Hund, bis auf einen Spielfilm, den ich mir bereits etwa zwanzig Mal angesehen hatte.
An frühen Schlaf war nicht zu denken. In der Nachbarschaft böllerte eine Karaokemaschine wuchtige Bässe in die Nacht. Glücklicherweise zog sich die Alte trotzdem ins Bett zurück.

Schlecht gelaunt öffnete ich den Kühlschrank: „Verdammt, kein Bier!“
Dann setzte ich mich an den PC. Ausser idiotischer Werbung keine Emails.
Warum nicht als Zeitvertreib youporn versuchen?  Das Einloggen ging problemlos.
Ich fand ein vielversprechendes drei minütiges Filmchen. Hölle: Die drei Minuten Stossverkehr entwickelten sich zum halbstündigen Opus in lausiger Qualität.
Jetzt platzte mir der Kragen endgültig und ich suchte mir das erstbeste Forum aus. Zielstrebig fand ich, was ich suchte.
Einen fiesen, leicht morbiden Kerl, der über die Qualitäten des Gastlandes räsonierte. Die Tiefe seiner Ermittlungen reichten offenbar nicht über die Länge seines zu kurz geratenen Pimmels hinaus.

Der gehörte endlich aufgeklärt. Ich hämmerte einen Monolog über die mangelnde Anpassungsfähigkeit der meisten Fremden in die Tastatur. Ich sei des ewigen Gejammers müde.
Der beste Rat für solche Typen sei doch, ein Ticket zu erstehen und sich unverzüglich in die Heimat zurück zu ziehen. Dann folgten noch ein paar nicht unbedingt nötige, aber um so derbere Sprüche, die ich von früheren Forenbesuchen her kannte und kopierte. Erleichtert sandte ich mein lehrreiches Spätwerk ab.

Ja, soviel Kenntnis über Kultur, Land und Leute, verfügten leider nur wenige. Das zeigte mir das Internet täglich erneut.
Zufrieden mit mir selbst, wanderte ich wieder zum Kühlschrank und öffnete nochmals die Türe.
Warum nur stellte das beste aller Eheweiber die Gurken stehend wie einen Phallus in den Kühlschrank? Müssten Gurken nicht liegen?
Doch hinter dem Gurkenwall versteckt entdeckte ich, oh Freude, ein Bier. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Behaglich trank ich ein paar Schlücke und sinnierte über das optimale Lagern von Gurken, das Leben im Allgemeinen und den vergangenen Tag im Besonderen.
Dann ging ich zurück an den PC und sah meine Auslegungen genau durch. Ja, dachte ich, nicht schlecht.
Da gibt es ein paar Kanten und Ecken, die ich vielleicht ausbügeln sollte.
Ich war genau drei Minuten zu spät.
Scheisstag. Fehlt nur noch, dass die beim Rückflug wieder den Flughafen blockieren.


« Letzte Änderung: 22. Januar 2009, 17:08:26 von Low »
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: Eine Praline
« Antwort #108 am: 23. Januar 2009, 11:36:43 »

Eine Praline                                            Januar 2009

Mit meinem Beitrag “Frust“ verliess ich den Pfad der Tugend beim Schreiben und ich genoss es, gezielt nach Bösartigkeiten zu suchen. Das beherrschte ein weiterer meiner sprachgewaltigen Lieblingsautoren.
Er stammte aus dem Emmental. Khun Fritz aus Knofligen. Etwas verständlicher: Friedrich Dürrenmatt aus Konolfingen.
Er wäre geplatzt ob der Ereignisse und Lebensart in Siam. Doch er benötigte Hinterindien nicht. Er fand die Opfer und Darsteller in seiner unmittelbaren Umgebung.
Es waren selten Bauern oder gar Dorftölpel. Nein, er jagte die Intellektuellen, die geistige Oberschicht.

„Der Richter und sein Henker“
„Der Verdacht“
„Die Physiker“
„Der Besuch der alten Dame“
„Grieche sucht Griechin“,
sind nur einige seiner unvergesslichen Arbeiten.
Ich habe seit Jahren keine Bibliothek mehr. Oder sollte ich seine Bücher etwa als Insektenfutter oder gar Pappmaschee nach Hinterindien verschiffen?

Grieche sucht Griechin empfehle ich bedenkenlos jedem frisch Verliebten. Die Geschichte könnte aus Pattaya oder Krung Thep stammen.
Reiste Fritz je nach Thailand?

Thai Küche ist sehr delikat und bekömmlich, sofern es sich nicht nur um Lanna oder Isaan Spezialitäten handelt.
Nach längerer Zeit jedoch verlangt fast jeder Farang Gaumen nach etwas handfestem westlicher Bauart.

Hier empfehle ich Dürrenmatts Spätherbst Rezept “Emmentaler Praline“.
(Ich weiss nicht, ob es das in gedruckter Form gibt.) Er erzählte einmal beiläufig davon. Von dieser Delikatesse kann ich nur träumen, weil es zwei Drittel der Zutaten schlicht nicht gibt.

Dürrenmatt nahm ein gut gelagertes, fettes Stück Emmentaler Käse mit grossen Löchern. Mit einem feinen Messer schälte er das grösste Loch sorgfältig aus dem Laib, dass es von einer dünnen Käseschicht umgeben war. Er legte eine süsse, pralle Traubenbeere in das Loch und füllte mit einem alten Burgunder auf.

Nach einigen dieser Pralinen darf man sich getrost Fragen:
„Hasste Fritz seine Landsleute und Gastgeber?“
Ich denke, er liebte seine Heimat und die meisten Mitbürger, auch sie wenn blindwütig herumwurstelten, denn aufbauende Kritik ist immer angebracht.


Drei Zitate von Fritz dem Grossen:

Die Welt ist eine Tankstelle, an der das Rauchen nicht verboten ist.

Je planmässiger Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.

Vielleicht ist das Scheitern des Versuchs Einsteins, eine allgemeine Feldtheorie aufzustellen, für die Physik sein wichtigster Beitrag.


Mit freundlichen Grüßen
Low
 
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: No stress
« Antwort #109 am: 24. Januar 2009, 00:47:10 »

No Stress                                   Dezember 1977

Im Dezember 1977 genossen wir zu zweit ein paar Urlaubstage auf Penang, Malaysia.
Wir planten am Abend des vierten Dezembers die Familienangehörigen in Singapore zu treffen.
Doch zuerst wurde ich in Ipoh zu einer geschäftlichen Besprechung erwartet.
Ein Fahrer des Staatsbetriebes holte mich Punkt acht Uhr im Hotel ab. Die Schnellstrasse gab es damals noch nicht.
Wie viele Hühner, Hunde und Katzen in den Kampungs meine Reise mit ihrem Leben bezahlten, weiss ich nicht mehr.
 
Die Effizienz der Verhandlungen entsprach nicht meinem Wunschdenken. Meine Partner organisierten dazu noch einen völlig überrissenen Business Lunch.
Aber ich konnte diese Einladung nicht ausschlagen. Das wäre als sehr unfreundlich empfunden worden und nicht gerade förderlich für eine zukünftige Zusammenarbeit.
Die Zeit lief mir davon, obwohl unser Arbeitsthema einige hunderttausend Jahre betraf.
Nach dem Essen rief ich unser Hotel in Penang an  und fragte, ob wir das Zimmer eine weitere Nacht benutzen könnten.
Glücklicherweise erreichte ich auch meine Frau. Das war nicht einfach, denn Handys gab es noch nicht. Ich bat sie, unseren Flug irgendwann auf den nächsten Tag umzubuchen und ihre Mutter zu informieren.

Der Fahrer raste dann am späteren Nachmittag los, dass die Funken stoben.
Er kannte meinen Termin Kalender. Ich beruhigte ihn und sagte der Flug sei bereits verschoben. Ich würde ihm ein paar Ringit geben,
damit er die Nacht in Penang verbringen oder Freunde besuchen könne.
Wesentlich gemütlicher erreichten wir am Abend das Hotel, wo mich die Gemahlin sehnlichst erwartete.  Wir genossen ein Abendessen unter Palmen und dem Sternenhimmel,
während die Wellen zeitlos und unermüdlich den Strand anliefen.

Als wir am nächsten Morgen frisch geduscht und reisebereit beim Frühstück sassen, tuschelten die Damen und Herren am Büffet aufgeregt und zeigten auf uns.
Ein Kellner kam und gratulierte uns. Wozu? Weswegen?
Er legte die Morgenzeitung auf den Tisch:
Malaysia Airlines Flug MH 653 über Tanjong Kupang, Johor Bahru abgestürzt.

Die Ermittlungen zeigten, dass eine halbe Stunde nach dem Start um 19 21, genau um 19 54, der Pilot Subang Airport rief und meldete, es sei ein unbekannter Entführer an Bord.
Captain Ganjoor leitete den Sinkflug ein. Auf Subang bereitete man sich für eine Notlandung vor. Einige Minuten später meldete der Pilot, der Flug nach Singapore würde fortgesetzt.
Um 2015 war die Verbindung mit der Maschine unterbrochen. Um 2036 stürzte die Boeing 737 mit 100 Personen in einen Sumpf und explodierte.

« Letzte Änderung: 24. Januar 2009, 01:03:28 von Low »
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Samuitilak

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #110 am: 24. Januar 2009, 08:54:55 »

Herzlichen Glückwunsch zum 32. Geburtstag kann man da nur sagen :) :)

LG nach Hinterindien

Walter
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien: Eine Karriere
« Antwort #111 am: 25. Januar 2009, 12:51:14 »

Eine Karriere

Wonach streben Menschen wirklich? Nach Geld, nach Gesundheit, nach beruflichem Erfolg? Das sind die Fragen, die sich Aristoteles zu Beginn der Nikomachischen Ethik stellte.
Aristoteles könnte hier zu Lande zu den unbekannteren Exoten gehören.
Die Geschichte dürfte einfacher zu verstehen sein als Aristoteles Antworten. Aber von Ethik ist sie soweit entfernt, wie Griechenland von Hinterindien.

Eine meiner Putzfeen hatte einen Bruder. Er war verheiratet und hatte drei Kinder.
Diese Familie lebte mehr schlecht als recht  in der Nähe von Fang an der burmesischen Grenze.
 
Seine Frau hörte Geschichten von Weibern, die in grossen Städten wie Chiang Mai, Korat oder Bangkok arbeiteten. Die konnten sich schöne Kleider leisten, hatten Goldschmuck,
Sanuk  und zwei oder mehr Telefone. Eines Tages lief sie weg. Er sass mit den drei kleinen Kindern fest.
Ich kannte ihn. Selten arbeitete er tageweise für mich. Dann verreiste er wieder in den Norden.
Es war sehr hart für ihn, nur das Geld für die Schuluniformen zu beschaffen. Als ich sah, wieviel meine Landsleute täglich an Alkohol konsumierten, erkannte ich,
dass es für mich eine Kleinigkeit war, den Kindern zu helfen. Diese Ausgaben betrugen zudem kaum Prozente, verglichen mit dem, was ich für meine Kinder ausgab.
Nach einigen Monaten reiste die Familie in den Grossraum Chiang Mai. Sein Verdienst war nun ausreichend und meine Unterstützung nicht mehr nötig.
Die älteste Tochter wohnte im Haus der Tante und besuchte von dort die Schule.

Die Tante war kein gutes Vorbild für das junge Mädchen. Sie hatte fast täglich Herrenbesuch. Sie spielten nicht Schach zusammen, sondern nur Damenopfer.
Sie versuchte dennoch, die Pflegetochter auf den schmalen Pfad der Tugend zu führen. Das hübsche Mädchen hatte gute Manieren und war stets eine Spur zu freundlich zu mir.
Nach dem Schulabschluss mit knapp 15 fand das junge Ding sofort eine Anstellung bei einem Grossverteiler. Der Filialleiter beförderte sie flugs zur Mia Noi.
Nun stellte die Pflegetochter plötzlich Ansprüche. Für den Arbeitsweg brauchte sie umgehend ein Motorrad.  Die Tante besass eine Maschine, die ihr vor einem halben Jahr ein sogenannter Husband hinterliess. Dieses Rad taugte nicht für sie, auch keine Billigmarke wie JRD. Ein anderes Gebrauchtfahrzeug für 25 000 THB kam ebenfalls nicht in Frage.
Nein, es musste eine neue, möglichst rote Yamaha sein. Weil kein Bargeld da war, erhöhte sich der Preis von 45 000 auf 60 000 THB, abzustottern in monatlichen Raten.
Dann hatte das Mädchen die Idee, eine weitere Schule zu besuchen. Das Schulgeld betrug nur etwa 30 000 THB pro Semester.
Ich erklärte, dass sie mit ihrem frisch erworbenen Diplom als Mia Noi kein weiteres Geld für Ausbildungszwecke verblasen müsse.

Als sie das rote Motorrad hatte, wollte sie nicht mehr bei der Tante wohnen. Sie brauchte eine Wohnung in der Nähe ihres Liebhabers in Chiang Mai.
Nach dem Umzug ging diese Rechnung nicht auf, weil der mittlerweile neue hübsche Kassiererinnen rekrutierte.
Eine Freundin fragte sie, warum sie sich für 7 000 THB den Rücken wund schufte.
Sie arbeite in einem Biergarten. Die Gäste seien stets gut gelaunt und sie verdiene wesentlich mehr. Welche Leistungen sie für ihren Mehrverdienst erbrachte, verschwieg sie wohlweislich.
Dennoch wechselte die junge Frau von der Kasse an die Bierfront. Sie war anfänglich zu scheu, um nach Feierabend die angesäuselten fremden Bierbäuche ins Hotel zu begleiten.
Dafür fand sie in dem Milieu ihre weggelaufene Mutter wieder. Unter Vermittlung der Tante kehrte sie nach einer Woche Bierverkauf und einem Minderverdienst von gut 500 Baht
erneut an die Kasse zurück. Nach drei Tagen quittierte sie ihren Job auf Anraten der Mutter trotzdem endgültig.

Dann hörte Tantchen eine Weile nichts mehr von dem süssen Fratz. Als sie in Begleitung von Frau Mutter neuerlich im Dorf erschien, benötigte sie 30 000 THB für eine Abtreibung,
weil ein öffentliches Spital für ihren kostbaren Leib nicht genügte. Eine Privatklinik musste es sein. Der Nachwuchs stammte nicht vom Herrn Filialleiter.
Die Tante war blöd genug, angeblich ihren Goldschmuck, ich glaube es nicht, zu Gunsten der Engelmacher zu verscherbeln.
Warum wurde die sonst knallhart rechnende Tande erpressbar? Ich habe den Verdacht, dass die Entjungferung noch im Hause der Tante gegen ein knallhartes Entgelt gefeiert wurde.
Nun warten die drei Grazien offenbar auf einen Bräutigam, damit sie beim Sinsod, Brautgeld, noch einmal abkassieren können.

Woher ich das alles weiss? Die waren doch doof genug, mich immer wieder um Darlehen anzubaggern.


« Letzte Änderung: 25. Januar 2009, 13:32:59 von Low »
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rh

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #112 am: 25. Januar 2009, 15:52:55 »

Low,
Deine Geschichten sind wirklich koestlich,ich hoffe,Du hast ein langes Leben bei voller Geistesstaerke !!!!!!!!!
Mach weiter. :D :D :D
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khon_jaidee

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #113 am: 25. Januar 2009, 19:55:36 »

Eines Tages lief sie weg. Er sass mit den drei kleinen Kindern fest.

Meistens hört man vom umgekehrten Fall - schön, hier auch mal diese Variante zu lesen.

Tolle Geschichten, low. Weiter so!
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Low

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #114 am: 26. Januar 2009, 22:20:26 »

Ich danke für die guten Wünsche zum Geburtstag (?) und
für das lange Leben bei vollem Bewusstsein.
Die Geschichten mögen für euch toll sein.
Sie belasten mich.
Thailand ist in meinem Herzen anders. Es ist das Paradies in dem ich lebe.
Das Paradies hört leider bereits hinter der Gartentüre auf.
Trotzdem danke ich, dass ich auch die Schattenseiten erfahren durfte.
Denn nur so ist gezielte Hilfe möglich.

Einige Geschichten strotzen vor Ironie und Satire. Ich verzichtete auf Warnungen.
Bevor ihr ausflippt, ob Sekunden oder Stunden, bitte PM. Ich versuche zu helfen. Das ist meine Aufgabe.

Ehrlich,
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Re: Geschichten aus Hinterindien: Nachtrag zur Karriere
« Antwort #115 am: 26. Januar 2009, 22:29:05 »

Nachtrag zur Karriere

Ich habe ein gewisses Verständnis, dass die Frau den Verschlag in Fang, in dem sie mit Mann und Kindern lebte, verliess. Es sind unwürdige Unterkünfte, die sich diese Menschen mit Hühnern, Katzen und Hunden teilen. Die Idee, die Kraft und der Mut zum Ausmisten, zum Verbessern ihrer Situation fehlt vollständig.
Diese Frau verliess ihre Familie mit unrealistischen Vorstellungen. Sie dachte nur an Geld, Gold und Elektronik. Sie hatte mehr als fünf Jahre Zeit. Veränderte sich etwas in ihrem Leben?
Unter Umständen wurde sie noch selbstsüchtiger als zuvor.
Rein wirtschaftlich tat sich gar nichts. Sie konnte keinen einzigen Baht auf ein Sparbuch legen. Sie wurde älter, aber nicht klüger. Vielleicht holte sie sich eine Geschlechtskrankheit.
All ihr Streben hatte nur einen Zweck: Geld. Sofern sie etwas besass, opferte sie es im Tempel. Der Hintergedanken war, dass Buddha korrupt ist,
dass man ihn schmieren kann und er die Glücksnummer im Traum bekannt gibt. Sofern der Erfolg im Tempel nicht garantiert ist, gibt es die Wahrsager.
Ob man im Tempel opfert oder dem Wahrsager ist Nebensache. Die Hauptsache ist der Gewinn.
Denken die überhaupt, ob ein genauso geldgieriger Wahrsager eine Gewinnummer bekannt geben würde? Wenn zufälligerweise zwei oder fünftausend Baht hereinkamen, wurde sofort reinvestiert.

Ich weiss nur, dass diese Frauen zu zweit oder dritt in der Stadt in einem Zimmer ohne jeglichen Komfort leben. Dafür bezahlen sie im Monat 6000 THB oder mehr.
Wenn etwas Geld im Haus ist, wird untereinander gespielt, denn man will ja mehr und dies möglichst schnell. Die Buchmacher sind freundliche, entgegenkommende Menschen.
Sie verleihen auch Geld, maximal 3000 Baht, zu günstigen zwanzig Prozent im Monat!
Haben die Weiber eine Ahnung, dass sie einige Kilometer ausserhalb für 2500 Baht ein ganzes Haus mit drei Zimmern, teilweise möbliert, mieten könnten?
Es gibt wenige, die so etwas machen, und wenn, dann sind sie überfordert.

Ich kenne eine Hübsche, die hat ein möbliertes Haus. Sie hat so viel Köpfchen, Busen, Hintern, Arbeit, drei oder vier Farang als Dauerkunden und damit genügend Einkommen,
dass sie sich eine Putzfrau leisten wollte. Weil unsere Reinemacherin öfters am frühen Nachmittag  bereits mit ihrer Arbeit fertig ist, stellte sie kurzentschlossen die Aufräumerin eines Tages an.
Der Putzfrau verschlug buchstäblich es den Atem. Sie räumte einige Kubikmeter Mist aus dem kleinen Haus, vertrieb Ungeziefer, Ratten und Mäuse. Als sie sich bis zu den Schränken vorgekämpft hatte,  fand sie den einen Schrank vollgestopft mit ungewaschenen Kleidern und Katzenkot. Im andern, etwas aufgeräumteren Schrank säugte eine Katze ihre Jungen.
Noch am selben Tag gab sie ihre neue zusätzliche Stelle wieder auf.

Die grenzenlose Gier erlebte ich ebenfalls im Dorf. Eine meiner verheirateten Freundinnen gewann in der Staatslotterie 4 Millionen. Endlich wurde die Familie ihre Schulden los.
Man bezahlte das Haus und alle die Kleinkredite. Es blieb noch genug übrig für zwei luxuriöse Pickup Cars, etwas Schmuck und all den Schund, den man eigentlich nicht braucht,
aber den die Nachbarn gerne hätten.
Sie konnte es nicht lassen und kaufte nochmals ein paar Lose und wieder schlug das Glück zu. Abermals vier Millionen. Sie kauften viel Land am Fuss der Hügel und bauten dort Gemüse an.
Anfänglich ging jede Woche ein Laster voll Grünzeug nach Bangkok, dann zwei, später drei. Der Wohlstand mehrte sich, langsam und bescheiden.
Zu langsam für die verwöhnte Frau, welcher der Reichtum bereits das Hirn vernebelte. Sie begann zu spielen. Innerhalb von zwei Jahren verlor sie alles!
Der Ehemann versuchte es in einem letzten Aufbäumen vor dem endgültigen Ruin mit Drogenhandel. Die Polizei erwischte ihn. Ende.


Ich erinnerte mich an eine ähnliche Geschichte, weder Gotthelf noch Dürrenmatt:
Wieviel Erde braucht der Mensch? (russisch Много ли человеку земли нужно?) Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Erstveröffentlichung 1885.
« Letzte Änderung: 26. Januar 2009, 22:32:08 von Low »
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Ingo †

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #116 am: 26. Januar 2009, 22:56:08 »


Lieber Low,
Du bist ein begnadeter Traeumer.

Doch wenn ich dich richtig lese, dann hoeren deine Traeume am Gartenzaun auf.
Dort siehst Du sie, die Realitaet und denkst zu ihr.
Kehrst in dein Traumumfeld zurueck, und kannst diese gesehene, gehoerte so schreiben wie es ist.

Mich ueberrascht, dass deine Geschichten doch so wertfrei von Traeumereien sein koennen.
Es ist wohl die Distanz die Du einhalten kannst. Da, nicht direkt betroffen.

Einige Zyniker hier werden nie ein Haar zu ihrer Selbstdarstellung in deinen Geschichten finden.
Sie sind Geschichten sagst Du. Und dies ist gut so.

Ingo
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illuminati

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #117 am: 27. Januar 2009, 00:45:04 »


Die Geschichten mögen für euch toll sein.
Sie belasten mich.
Thailand ist in meinem Herzen anders. Es ist das Paradies in dem ich lebe.
Das Paradies hört leider bereits hinter der Gartentüre auf.
Trotzdem danke ich, dass ich auch die Schattenseiten erfahren durfte.
Denn nur so ist gezielte Hilfe möglich.

Einige Geschichten strotzen vor Ironie und Satire. Ich verzichtete auf Warnungen.
Bevor ihr ausflippt, ob Sekunden oder Stunden, bitte PM. Ich versuche zu helfen. Das ist meine Aufgabe.

Ehrlich,
Low


Hallo,
vorweg muss ich sagen, dass ich Atheist bin und das ist kein Widerspruch zu meinem folgenden Gedanken.
Ich glaube , unabhänig welcher Religion du angehörst, es würde dir weiterhelfen, für eine gewisse Zeit in einen Tempel zu gehen. Die Wurzeln und das Verständnis zu TH sind dort zu finden - und ich vermute das suchst du. Oder bin ich auf dem Holzweg?

Gruss
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hmh.

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #118 am: 27. Januar 2009, 01:16:44 »

Low, ich finde Deine Geschichten, die für mich schon mit Deiner Vorstellung hier anfingen, wirklich interessant und lesenswert. Die haben was. Zwar irgendwie rauh; aber angenehm rauh, nicht "glattgeschliffen". Insofern gewöhnungsbedürftig, aber wenn man mal drin ist, freut man sich auf jede Episode.

Irgendwann stellst Du das mal zusammen und machst eine kleine Broschüre daraus. Roy druckt die, jede Wette!
Ich hoffe, daß Dir noch viel einfällt und daß Du nicht müde wirst, uns das weiter zu erzählen.

MfG hmh.

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drwkempf

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Re: Geschichten aus Hinterindien
« Antwort #119 am: 27. Januar 2009, 15:21:06 »

Ja Low, erzähl weiter! Ich habe Deine Geschichten in einem Zug gelesen, ich habe lange nicht mehr so anhaltend geschmunzelt.
Danke für die schönen Stunden.
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Tu ne quaesieris scire nefas quem mihi quem tibi finem di dederint
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