Mundgeruch und Fuzzy Logik
Es gibt immer wieder Pessimisten, welche behauten, man könne hier
nichts zum Besseren verändern. Ich behaupte, dass dies nicht richtig ist.
Wir alle haben eigentlich eine Vorbildfunktion. Wir wissen, wie erfolgreich
die Menschen beim Kopieren sind, sei es Software, Kleidung, Handtaschen,
Gebrauchsgegenstände, Bilder, Skulpturen oder Uhren. Sehr selten nur
besteht eine Chance, dass sie etwas anderes, Grundsätzliches übernehmen.
Aber eine geringe Möglichkeit besteht.
Ich kann mich nicht beklagen, denn ich wurde nur zu oft kopiert, zum Beispiel
Recycling, Gestaltung des Lebensraums, Hilfsmittel im Haushalt, nur um ein
paar Beispiele zu nennen.
Sofern wir nicht allzu träumerische Massstäbe verwenden und genügend Zeit
einsetzen, lassen sich kleine Fortschritte durchaus verwirklichen.
Am Einfachsten ist es bestimmt, bei jüngeren Leuten, vor allem bei Kindern
den Hebel sachte und mit viel Gefühl anzusetzen.
Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass reifere Menschen aus Euroland fast
unmöglich aus ihren eingefahrenen Verhaltensmustern zu bringen sind.
Alterssturheit und Starrsinn sind weit verbreitet. Ich beobachte solche Effekte
leider schon bei jüngeren Landsleuten.
Warum denn sollte es in einem Entwicklungsland wesentlich anders sein?
Ich erwähnte bereits, dass wir einen Pflegesohn nicht nur finanziell unterstützen,
sondern dass er oft seine Ferien bei uns verbringt. Bei dieser Gelegenheit
bringen wir ihm Kleinigkeiten bei, die in der Schule kaum auf dem Lehrplan stehen.
Wir konnten ihn überzeugen, dass durch reichlichen Gebrauch von Wasser und
Seife die Hände nicht absterben. Wir zeigten ihm, dass der TV sogar einen
Abstellknopf hat. Für hartnäckige Fälle empfahlen wir ihm, den Netzstecker zu ziehen.
Er kann eine Waschmaschine bedienen. Er weiss, dass wir schmatzen, spucken und
schneuzen beim Essen wenig schätzen. Wir zeigten ihm, dass beim Rülpsen, Niessen
und Husten eine Hand vor dem Mund angebracht wäre.
Ich hatte oft das Gefühl, zu hart oder zu pingelig mit ihm zu sein. Aber er schätzt
meine Pedanterie mittlerweilen. Kaum ist er weg, vermisst er mich. Er hat begriffen,
dass ich nicht auf Fuzzylogik (1) stehe, dass es für mich vorläufig nur richtig oder falsch gibt.
Er wendet seine neuen Kenntnisse täglich an, obwohl er, gelinde gesagt, oft auf
Verständnislosigkeit trifft.
Im Schulbus musste er neulich niessen. Als anständiger Mensch hielt er seine Hand
vor den Mund. (Er wollte seine Weggefährten nicht alle mit den verschiedensten
Grippe-Viren infizieren.)(2) Einem seiner Kollegen passte das gar nicht ins eigene,
anspruchslose Konzept. Er lachte ihn aus und meinte, er handle wie ein Ladyboy!
So was gehöre sich nicht für einen edlen Thai.
Zu guter Letzt rülpste er ihm eine delikate Mischung aus Magensäure, halb vergorenem
Som Tam und drei Wochen ungepflegten Zähnen direkt ins Antlitz, dass dem Jungen
kotzübel wurde. Der vergass ob dem Gasangriff, dass der ungezogene Rüppel zwei Jahre
älter war und verpasste ihm einen anständig gezielten Faustschlag mitten ins Gesicht.
Jetzt bekam der Lümmel zum Mundgeruch auch noch Nasenbluten.
Was denkt ihr, was das Mütterchen des Schwerverletzten unternahm?
Sie ging mit dem blutverschmierten Charakterdarsteller zum Dorfvorsteher und
verlangte Bar-Geld, Zaster, Mammon von dem aggressiven Boxer. Vielleicht war
ja Mütterchen einmal Bar-Girl.
Als der Obmann die unglaublichen Geschehnisse begriff, sandte er die Kläger grinsend weg.
Nachher versuchten es die offenbar Unbelehrbaren bei der Polizei. Ein Team von
Beamten ermittelte anschliessend in der Schule. Nach der Einvernahme mehrerer Zeugen
wurde die Klage abgewiesen.
Welch ein Aufwand wegen Anstand und einigen Kubikzentimetern warmfeuchter Luft!
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Fuzzylogik(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Infektion