Traum-Hochzeit und Hochzeitstrauma 24. November 2009
Wir Europäer haben oft das Gefühl, dass uns die Einheimischen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit schamlos ausplündern.
Was die Meisten nicht für möglich halten, ist die Tatsache, dass sich die Menschen Hinterindiens gegenseitig auch nichts schenken.
Meine erste Erzählung „Im Schlangental“ zeigte, wie ein junger Schulmeister in eine teure Ehe genötigt wurde. (1) Ein Freund lieh ihm
zehntausend Baht, um den geforderten Brautpreis von zusammengebettelten hunderttausend Baht zu entrichten. Der Mann erhielt sein
Darlehen bald nach dem Spektakel zurück, denn er hatte ja selbst eine aufblühende Herzensdame, die er unbedingt heiraten wollte.
Rückblende:
Markttag irgendwo in der Provinz. Stahlblauer Himmel über farbigen Schirmen und Ständen. Stimmengewirr. Handys dudelten.
Mehr oder weniger angenehme Duftfetzen von Garküchen reizten Rotznasen. Ein junger, gut aussehender Mann schlenderte durch
die geballten Menschenmassen, die Dreck und Staub aufwirbelten, der von einer steifen Brise fein verteilt wurde.
Plötzlich sah er sie. Ein Dutzendgesicht. Nein. Ein Gesicht, geschaffen zum Liebkosen. Strahlende, lebhafte Augen. Ihr glänzend schwarzes
Haar war um Nuancen dunkler als das der anderen Frauen. Zwischen ihren roten, süssen, zum Küssen einladenden Lippen leuchteten
wie teure Mikimoto Perlen ihre Zähne. Ihr verführerischer, wohlgeformter Körper verfügte über all die Rundungen und Wölbungen,
die sich ein Mann kaum in den kühnsten Träumen vorstellen kann.
Er hatten den Mut, sie, die Königin aller Märkte, die schönste Frau Hinterindiens, möglicherweise des ganzen Kontinentes, anzusprechen.
Widerstrebend liess sie sich zu einer Cola überreden. Sie kokettierte, turtelte und bedrängte ihn mit allen Waffen einer feenhaften,
bezaubernden Frau, während sie sich gleichzeitig heuchlerisch grösster Zurückhaltung befleissigte.
Wer erlebte ähnliche Augenblicke nicht schon selbst? Blutleere im Gehirn. Totalausfall sämtlicher Warnsysteme!
Nach wenigen Wochen wusste er fast alles über seine aussergewöhnliche Herzenskönigin. Sie stammte aus einer armen Familie, wollte
dennoch Lehrerin werden.
Er meinte: „Zieh zu mir ins Haus. Ich verdiene gut. Ich kann dein Studium finanzieren.“
Sie zierte sich und zog bei ihm ein. Er schuftete während fünf Jahren, bezahlte sämtliche Unterhaltskosten und wohl etwas mehr.
Zusätzlich wollte die Mutter des Mädchens nicht nur Gold sehen, sondern anfassen. Die Hochzeit wurde für die Zeit nach der Diplomierung
der intelligenten Schönen ins Auge gefasst.
Vor einem Jahr war es soweit. Die unverschämte Numismatikerin verlangte dreihunderttausend Baht plus Edelmetall für ihr wohl geratenes
Leibesfrüchtchen. (2) Der zukünftige Ehemann feilsche und erwiderte:
„Ich investierte bereits einige hunderttausend Baht in die Ausbildung deiner unvergleichlichen Tochter!“ Man einigte sich auf bescheidene
hunderttausend Baht und etwas Gold.
Der Sohn informierte seine Mutter, er wolle heiraten. Den Brautpreis könne er leider nicht entrichten, denn er habe seiner Herzallerliebsten
bereits das Studium finanziert. „Mutter, liebe Mutter, bitte hilf mir!“ Und sie half ihrem braven Sohn.
Eine grosse Feier wurde geplant. Eine Feier war nicht genug. Es mussten zwei sein. Eine Woche sollte bei der Brautmutter gefestet werden.
Einige Tage Schnaps und Unterhaltung sollte die Mutter des Bräutigams beisteuern.
Dann wurden Karten gedruckt. Goldschnörkel auf Büttenpapier. (3) Nur das Teuerste war billig genug.
Weil Mütterchen von vielen Einzuladenden nur die Nicknamen kannte, funktionierte der Postversand nicht. Während Tagen wurden auf
hunderten von Kilometern Einladungen persönlich zugestellt. Die Gästezahl liess sich anhand der Einladungen erahnen.
Die Feiern konnten beginnen. Gold, Geld und ein riesiges Getümmel mit einer mindestens verdoppelten Gästeschar. Die Lieferwagen der
Schnapshändler fuhren Sonderschichten.
Als sich der Staub endlich legte, bemerkte der frisch verheiratete Sohn, es war Rezession.
Seine Frau, die einstmals hinterindische Marktkönigin und frisch gebackene Lehrerin, hat er seit Monaten nicht mehr gesehen.
Die Hoffnung besteht, dass der Geprellte die Ehe bereits vor der Hochzeit vollzog.
Fakt, nicht Fiktion.
(1)
http://forum.thailand-tip.com/index.php?topic=1225.msg27500#msg27500(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Numismatik(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCttenpapier