Ausserdem stammen ganze Passagen von ihrem Parteifreund Trittin
FAZ mit Bezahlschranke :
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/grosse-verharmlosung-baerbock-der-gutachter-und-die-medien-17419357.html?premiumBAERBOCK-PLAGIAT:
So dick wie die Guttenberg-Suppe
VON PAUL INGENDAAY-AKTUALISIERT AM 02.07.2021-19:01
Da war noch alles in Ordnung: Annalena Baerbock vor ihrer Buchpräsentation am 17. Juni in Berlin
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So einfach der Fall Baerbock liegt, so vielfältig sind die Verharmlosungen der Medien. Plagiatsgutachter Stefan Weber sieht noch mehr peinliche Funde voraus.
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Man kann die Debatte um den Abschreibskandal der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock aus politischer Perspektive erzählen, als Glaubwürdigkeitskrise einer Partei, in der Glauben bisher mehr galt als anderswo. Die Konkurrenten Armin Laschet und Olaf Scholz stehen derweil daneben und mucksen sich nicht. Jeder verheerende Baerbock-Tag ist ein guter Laschet-Tag. Ob auch ein guter Scholz-Tag, steht noch dahin.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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Inzwischen muss man den Fall aber auch medienpolitisch betrachten, denn das nervöse Hufescharren von Journalisten, die mitmischen wollen, ist schon aus der Ferne zu hören. Am Donnerstagabend überraschte etwa das Nachrichtenportal T-Online mit der Schlagzeile: „Hintermänner suchten Plagiatsjäger für Anti-Baerbock-Kampagne“. In dem dazugehörigen Artikel schreiben die Journalisten Lars Wienand und Jonas Mueller-Töwe, „dass eine politisch motivierte Gruppe gezielt der Kandidatin schaden will und dafür auf die Suche nach professionellen Plagiatsjägern ging“.* Dann kommt der VroniPlag-Gründer Martin Heidingsfelder zu Wort und berichtet von einer „kleinen Gruppe“ von Hintermännern „eher aus dem rechten Lager“, die ihn angerufen und Plagiatsprüfer für das Baerbock-Buch gesucht hätten. Er, Heidingsfelder, habe „den Job aber abgelehnt“. Selbstverständlich, möchte man hinzufügen, man ist doch kein Kopfgeldjäger! So viel Berufsehre muss sein.
So blieb nur noch der einschlägig bekannte Plagiatsgutachter Stefan Weber übrig, der Mann, dessen Recherchen den Baerbock-Schlamassel vor einer Woche ausgelöst haben und der uns seitdem per Twitter über seine neuesten Funde auf dem Laufenden hält. T-Online suggeriert im Artikel, der Österreicher Weber sei trotz seiner Versicherungen, im Fall Baerbock nicht gegen Bezahlung zu recherchieren, womöglich doch angeheuert worden – von besagten „Hintermännern“ eben, noch dazu „eher aus dem rechten Lager“, worunter man sich heutzutage wohl etwas ganz besonders Finsteres irgendwo zwischen den Reichsbürgern und Jan Fleischhauer vorstellen muss. Und fertig ist eine hübsche kleine Denunziation, die den Charme hat, als unbeweisbare Allerweltsformulierung daherzukommen.
Durchleuchten könnte zur Regel werden
Die Wahrheit ist aber wohl doch nicht der „Politthriller“, den T-Online so raunend beschwört, sondern schlichter. Die beiden Journalisten haben Weber zunächst nicht erreicht und es dann, um überhaupt etwas in der Hand zu haben, bei seinem Konkurrenten Heidingsfelder versucht. Spricht man tatsächlich mit Stefan Weber, erhält man dazu eine Menge Auskünfte. Etwa die, Heidingsfelder habe ein „gewisses Egoproblem“, aber das sei nicht weiter dramatisch. Wichtiger sei, wie es jetzt mit Baerbocks Buch weitergehe. Er, Weber, mache da ständig neue, gravierende Funde. So weiß der Medienwissenschaftler etwa, dass Baerbock auch bei einem ihrer Parteikollegen abgeschrieben hat, nämlich die Passagen 22 bis 29. „Sie stammen in einem einzigen Kapitel allesamt aus einem Gastbeitrag von Jürgen Trittin“, teilte Weber auf Twitter mit. „So eine Dreistheit und Dummheit habe ich in vierzehn Jahren Tätigkeit noch nie gesehen!“
Mit dem empörten Tonfall macht Weber sich bestimmt keine Freunde, er könnte ihn einfach lassen, seine Arbeitsmethode ist aufregend genug. Denn manche seiner Funde stammen von Lesern, die ihm anonym helfen und das Baerbock-Werk Satz für Satz durchgoogeln, um auf Entsprechungen in fremden Texten zu stoßen. „Das bindet einen mehrere Tage“, sagt Weber, und er selbst findet das inzwischen zu mühsam. Zu diesem Zeitpunkt ist das Buch allerdings schon mit der amerikanischen Prüfsoftware Turnitin durchleuchtet worden. Der Name bezieht sich auf das Verb „to turn in“ (einreichen), den Augenblick also, wenn der Autor sein (meist akademisches) Opus aus der Hand gibt und sich unwiderruflich dem scharfen Blick der Prüfer aussetzt. Doch die Reichweite dieses Mittels ist begrenzt: Viele Texte sind nicht rechtefrei zugänglich und bleiben als Sprachspur unidentifizierbar. Der Baerbock-Skandal könnte dafür sorgen, dass manche Verlage künftige Bücher von Politikern und Promis vor Veröffentlichung durch diese oder eine ähnliche Software jagen. Etliche österreichische Unis benutzen sie laut Weber schon dazu, eingereichte Abschlussarbeiten ab Master-Level zu screenen.
Da über den Tatbestand von Baerbocks Abschreiben keine Zweifel bestehen, nur über die Bewertung, lohnt sich ein Blick auf die Versuche mancher Medien, die Sache vorauseilend kleinzureden oder zur politischen Kampagne zu erklären. Da war zunächst das Argument, es handele sich bei „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ nicht um ein wissenschaftliches Werk, sondern nur um ein „Sachbuch“, als würde dieser Umstand das unautorisierte Abpinnen irgendwie besser machen. (Baerbock selbst sagte im Interview mit einer „Brigitte“-Journalistin, ihr Buch sei kein Sachbuch, was sofort die Frage provoziert: Was denn dann? Fiktion? Oder Lyrik?) In der Süddeutschen Zeitung hieß es zur Verteidigung, das Genre des „Politikerbuchs“ sei ohnehin überflüssig. Das klang wie die implizite Empfehlung, das Werk der Kanzlerkandidatin wie Schrott zu behandeln und gleich wieder zu vergessen. Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung, aber auch anderswo wurde Baerbocks Ko-Autor Michael Ebmeyer ein Teil der Verantwortung für das Malheur zugeschoben. Dabei hätte ein einziges Telefonat gereicht, den Berliner Journalisten von jedem Verdacht freizusprechen.
Eigentlich müsste das Buch gratis sein
„Stilometrisch“, sagt Weber am Telefon und benutzt ein wirklich feines Wort, das die Wenigsten wohl schon einmal gehört haben, „stilometrisch besteht Baerbocks Buch aus zwei Teilen.“ Da seien die durchaus lebendig geschriebenen autobiographischen Passagen, für deren Erstellung Ebmeyer hinzugezogen wurde, „eine feine Prosa“, sagt Weber, „die muss man nicht googeln“. Und dann seien da jene Teile, die vor allem Fakten referierten und Programmatisches auflisteten, die fatalen siebzig Prozent, und eben dort sei bedenkenlos mit Copy&Paste gearbeitet worden, ob von Baerbock oder ihren Helfern. Und das gehe nun einmal nicht, sagt Weber, unser Begriff von Autorschaft lasse das nicht zu. „Das Buch trägt ja ihren Namen und ihr Foto, es steht auf der Bestsellerliste. Wenn es in Ordnung wäre, was sie getan hat, hätte es heißen müssen: ‚Meine Ideensammlung’, und dann wäre es gratis. Aber das ist es nicht.“
Vielleicht, so ließe sich anführen, ist Annalena Baerbock als Autorin die Vertreterin einer jüngeren Generation, also intuitiv digital, und benutzt die Suchmaschine anders, ein bisschen wie Barmann und Cocktailshaker zugleich. Weber glaubt das auch. Dieser Typus gebe bei Google ein: „Klimakrise, Deutschland, Lösungen, Grüne“ – und schon purzelten die Treffer heraus. „Und dann nehmen die Leute die Funde“, sagt Weber, „die ihnen sympathisch sind, kopieren sie heraus und frisieren sie ein bisschen um. Genau das ist die Textherstellungsmethode, gegen die wir heute an der Uni vorgehen müssen.“
Ob es ihn störe, fragen wir den Medienwissenschaftler, wenn man ihn als „Plagiatsjäger“ bezeichne? „Ist mir völlig egal“, sagt Weber. „Da habe ich überhaupt kein Imageproblem.“ Und welche Menschen helfen ihm? Die kenne er nicht, sagt Stefan Weber. Dann liest er aus der E-Mail eines seiner beiden treuesten Zuträger vor, von denen er nichts weiß, außer dass sie existieren. „Ich bin kein Politiker“, heißt es da, „in keiner Partei, auch nicht in einer Gruppe oder Bewegung, auch nicht bezahlt, und wirke nur auf eigenen Antrieb.“ So also, darf man daraus schließen, sieht die „Rufmordkampagne“ gegen Annalena Baerbock aus der Nähe aus. Ein paar Leute, denen das Schummeln der Kandidatin gegen den Strich geht. Und die sich zweifellos die Hände reiben bei dem Gedanken, welche Geschichte sie losgetreten haben.
Eine gewisse Besessenheit
Wir fragen: „Was treibt Sie an, Herr Weber? Ich nehme nicht an, dass es etwas Politisches ist. Was also motiviert Sie?“ Am Telefon entsteht kaum eine Pause. „Ich betreibe das hier als Geschäftsmodell“, sagt Stefan Weber, „Sie sehen es ja. Aber darüber hinaus spüre ich auch eine gewisse Besessenheit, diese Copy&Paste-Methode aufzudecken. Und ich habe den Drang, das der Öffentlichkeit mitzuteilen. Das kann man mir vorwerfen. Aber so ist es.“ Dann sagt er noch, hätte Baerbock gleich zugegeben, dass sie Mist gebaut hat, wäre die Sache vielleicht vorübergeweht.
Gab es diesen Augenblick wirklich? Nach dieser Vorgeschichte von Pleiten und Pannen? Das werden wir nicht mehr erfahren. Die Vorwärtsverteidigung der Grünen wollte es anders. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner bezeichnete die Anwürfe noch am Freitagmorgen im Deutschlandfunk als „Kleinigkeiten“. Der Interviewer fragte leicht entgeistert zurück: „Kleinigkeiten?“ Und Kellner bestätigte: „Kleinigkeiten“. Was eigentlich bedeutet: Macht doch nichts, wenn abgeschrieben wird. Wenn es nur die richtigen Leute tun. Die mit dem coolen Programm.
„Zwölf Stellen“, sagt Weber am Telefon und versetzt sich in die erste Phase des Skandals zurück, „zwölf Stellen, das sind doch Peanuts. Ich wollte ursprünglich keinen dicken, fetten Plagiatsbericht verfassen. Doch jetzt ist mir klar geworden, dass der Fall viel größer ist. Und jetzt mache ich weiter.“
Wie groß der Fall, seiner Ansicht nach, denn sei? Weber zögert keine Sekunde: „Diese Suppe, die ist so dick wie die Guttenberg-Suppe.“
* Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels wurde den Journalisten diese Aussage irrtümlich in der paraphrasierten Form des Nachrichtenportals turi2 zugeschrieben. Sie lautet: „Die Plagiatsjäger, die derzeit das Buch ‚Jetzt‘ von Annalena Baerbock auseinandernehmen, wurden offenbar gezielt auf die Grünen-Kanzlerkandidatin angesetzt.“ Wir bitten das Versehen zu entschuldigen.