https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/annalena-baerbock-hat-abgeschrieben-es-geht-um-anstand-17415715.html?premiumDie Plagiatsvorwürfe gegen die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock haben eine politische, eine juristische, eine berufliche und eine gesellschaftliche Dimension. Mindestens. Da man es sich mit der Faktenlage leicht machen kann, ist vielleicht eine andere Frage am Platz: Warum hat sie es getan? Warum arbeitet die Spitzenkandidatin der Grünen in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ so schlampig? Kann sie angenommen haben, es merke keiner?
Gewiss, sie hat wenig Zeit. Ein Buchprojekt in einer dichten politischen Agenda unterzubringen ist keine Kleinigkeit. Aber sie hätte doch Helfer gehabt, sie hat einen Verlag und dessen Personal. Und war sie nicht, laut zweifellos doppelt geprüftem Lebenslauf auf der Website der Grünen, zwischen den Jahren 2000 und 2003 „Freie Mitarbeiterin bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“? Nicht in der Schusslinie steht ihr Ko-Autor Michael Ebmeyer, der mit der Spitzenkandidatin lediglich Interviews zu ihrer persönlichen Geschichte geführt und von diesen eine Textversion erstellt hat. Nein, Annalena Baerbock selbst und der Ullstein Verlag tragen für die Mängel im veröffentlichten Buch die Verantwortung.
Um einmal von der beruflichen Dimension zu reden. Wer einen Artikel für ein seriöses Magazin verfasst, erhält mit einiger Sicherheit Nachricht von dessen Dokumentationsabteilung, die den Autor darum bittet, Quellen für Sachbehauptungen in seinem Artikel zu nennen. Factcheckers nennt man diese wichtigen, meist abseits des Scheinwerferlichts agierenden Leute in der englischsprachigen Welt. Darüber hinaus kennt der Journalismus den Begriff der kontrastierenden Recherche, und angehenden Autoren kann man nur empfehlen, sich dazu den Film „All the President’s Men“ (Die Unbestechlichen) von Alan Pakula aus dem Jahr 1976 anzuschauen: Er rekonstruiert die Watergate-Enthüllungsarbeit der Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward von der Washington Post als täglich geführten Kampf um die belegbare Wahrheit.
Minimalethik aller Schreibenden
Die endlosen Debatten um Fake News und die technologischen Möglichkeiten flächendeckender Unsinnsbehauptung und Lügenverbreitung haben das zugrundeliegende Problem eher vernebelt als erhellt, denn es ging ja nie darum, Wirrköpfe und Paranoiker zu bekehren. Saubermachen kann man nur im eigenen Stall. Wir glauben implizit an eine Gemeinschaft jener, die auf der Grundlage von Argumenten miteinander diskutieren und sich derselben Minimalethik verpflichtet fühlen. Erstens: Die Fakten müssen stimmen. Zweitens: Wer Ideen und Erkenntnisse anderer in eigene Texte übernimmt, gibt die Quelle an. Drittens: Wer bewusst gewählte Formulierungen, neu geprägte Begriffe oder stilistische Eigenheiten übernimmt, kommt nicht darum herum, es durch Anführungszeichen und Quellenangabe auszuweisen.
In dieser Hinsicht gibt es wenig zu diskutieren. Baerbock und ihr Verlag haben mit der Veröffentlichung dieses Buchs den publizistischen Anstand verletzt. Statt Empörung über eine angebliche Rufmordkampagne wäre eine Entschuldigung fällig, sodann eine baldige Überarbeitung der fraglichen Stellen. Dass man den österreichischen Medienwissenschaftler Stefan Weber, der die Verstöße aufgedeckt hat, hier und da als „Plagiatsjäger“ bezeichnet findet, ist unerheblich. Man braucht die Müllabfuhr, auch wenn man sie nicht ständig im Haus haben will.
Interessanter ist die jetzt stattfindende Umwertung der nachgewiesenen Mängel, denen einfach ein anderes Etikett aufgeklebt wird. Weber nennt die abgekupferten Stellen „Plagiat“ und stellt sie damit in einen Zusammenhang mit Politikern wie Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und Franziska Giffey, die ihr Vorgehen das Amt, die Karriere oder die Aberkennung des akademischen Titels gekostet hat. Baerbocks Anwalt Christian Schertz dagegen kann „nicht im Ansatz eine Urheberrechtsverletzung erkennen“, was ersichtlich etwas anderes ist. Auch die Grünen halten sich an diese Sprachregelung, die vom Tatbestand ablenken soll. Bei den inkriminierten Passagen, so ein Parteisprecher, handele es sich um „allgemein zugängliche Fakten oder bekannte Grüne Positionen“.
Im Licht des wortwörtlichen Satzklaus wirkt diese Behauptung geradezu komisch. „In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 peitschte der Wirbelsturm mit Böen bis zu 240 Stundenkilometern hohe Wellen durch die weitverzweigten Flussarme des Irrawaddy bis zu 40 Kilometer ins Landesinnere“,
hieß es in einem Artikel des Berliner Tagesspiegels. Und bei Baerbock:
„In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 2008 peitschte der Wirbelsturm mit Böen bis zu 240 Stundenkilometern hohe Wellen durch die weitverzweigten Flussarme des Irrawaddy tief ins Landesinnere hinein.“
Hier wurde abgeschrieben, nicht mehr und nicht weniger. Und so entsteht leider nur der Eindruck, die Autorin Annalena Baerbock habe ein paar Abkürzungen genommen und viel zu spät begriffen, dass sie unter Beobachtung steht.