
Als die Linken „Flüchtlingen“ noch die Fresse polieren wollten !

klaert auf:
Je älter Zeitungen werden, desto interessanter werden sie zugleich. Parallelen treten zutage, die dem Zeitzeugen naturgemäß verborgen blieben, und auf manches sinistere Gelichter fällt in der Rückschau ein überdeutlich grelles Licht.
„Links von der Mitte des politischen Spektrums der Bundesrepublik machen sich seit Wochen Aversionen gegen die Zuzügler breit“, meldete der Spiegel am 23. Oktober 1989. „Die Front der Flüchtlingsfeinde reicht von kommunistischen Sektierern über alternative Abgeordnete bis hin zu strammen SPD-Linken. Am feindseligsten gebärden sich Radikale, etwa aus dem Kommunistischen Bund (KB). DDR-Übersiedler, heißt es im KB-Sprachrohr Arbeiterkampf, seien ‚Spießerschrott‘, dem es nur um die schnelle Westmark gehe. Den ‚Zoni-Zombies‘ wurden zur Abschreckung Schläge angedroht: ‚Euch hätten wir gleich auf dem Bahnsteig gern die Fresse poliert.‘
Die Ressentiments gegen Übersiedler erhalten beinahe täglich Nahrung durch neue Reizbilder in den Medien. Wenn die Ankömmlinge im Westfernsehen aufgekratzt Deutschland-Fähnchen schwenken, ihre DDR-Kennzeichen am Wartburg bis aufs bloße ‚D‘ durchstreichen und die neuerworbenen Bundespässe voller Nationalstolz in die Kamera halten, graust es vielen Grünen, die sich auf ihre internationalistische Gesinnung viel zugute halten. ‚Die Zonis küssen ja den BRD-Boden wie der Papst‘, beobachtete entgeistert ein Mitglied der Hamburger Grün-Alternativen Liste.
Schwierigkeiten im Umgang mit den SED-Flüchtlingen haben westdeutsche Linke auch deshalb, weil der Massenansturm Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot weiter verschärft. Heimische Zukurzgekommene fühlen sich durch die Neubürger zusätzlich benachteiligt.
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Hermann Heinemann (SPD) sah sich letzte Woche genötigt, vor einer ‚Verhätschelung‘ der DDR-Übersiedler zu warnen: Hiesige Arbeitslose müßten ‚mit Bitterkeit‘ registrieren, daß den Zuwanderern Arbeitsplätze ‚auf dem goldenen Tablett‘ serviert würden. In West-Berlin, wo das Gerangel um Arbeitsplätze und Wohnungen besonders heftig ist, haben grüne Politiker bereits eine Zuzugsbegrenzung für DDR-Übersiedler ins Gespräch gebracht.
Einzelnen SPD-Politikern kommt die Massenflucht mittlerweile ebenfalls ungelegen. Mit Hinweis darauf, daß die DDR nicht ausbluten dürfe, forderte der West-Berliner Abgeordnete Ehrhart Körting, die Übersiedlung per Gesetz zu erschweren, etwa durch eine Abschaffung der Rentenberechtigung. Wer die DDR verändern wolle, müsse sicherstellen, argumentiert Körting, daß die kritischen Bürger auch dortblieben.“
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