https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/f-35-tarnung-spezialsensoren-atombomben-faehigkeit-die-faehigkeiten-im-ueberblick-a-82b81beb-0cde-4442-8a51-65709ef644b9 :
Plötzlich geht alles ganz schnell. Wie so vieles in diesen Tagen. Debatten, die teils jahrelang schwelten, werden innerhalb von Tagen beendet. So auch die um die Anschaffung eines neuen Kampffliegers für die Bundeswehr. Die Bundesregierung, so wurde am Montag bekannt, plant die Anschaffung von Tarnkappenfliegern des US-amerikanischen Modells F-35. Sie sollen jenen Teil der Flotte von insgesamt 93 Tornado-Flugzeugen ersetzen, die amerikanische Nuklearwaffen transportieren.
Das Flugzeug der US-amerikanischen Firma Lockheed Martin gilt als einer der besten Kampfjets der Welt. »Das Mehrzweckflugzeug der neuesten Generation«, heißt es stolz in einer Bekanntmachung des Bundesministeriums der Verteidigung: »Im Vergleich zu älteren, konventionellen Kampfjets wie dem Tornado oder auch dem Eurofighter verfügt die F-35 über ausgeprägte Tarnkappeneigenschaften.«
Durch eine spezielle Beschichtung und eine besondere Formgebung ist der Bomber nur schwer für feindliches Radar zu erkennen. Das einsitzige Flugzeug verfügt über ein Triebwerk mit einem maximalen Schub von 128.000 Newton und kann mit Nachbrenner eine Geschwindigkeit von Mach 1,6 erreichen, das entspricht fast 2000 Kilometern pro Stunde. Die Reichweite liegt bei 2200 Kilometern.
Ein Kampfflieger, vollgepackt mit SensorenDiverse Sensoren sollen dem Piloten einen besonders guten Überblick über mögliche Bedrohungen erlauben, so ein Werbevideo des Zulieferers Northrop Grumman. Die Elektronik soll mehrere Ziele gleichzeitig verfolgen können, sowohl in der Luft als auch am Boden. Hochauflösende SAR-Radarbilder könnten auch nachts oder bei Regen klare Bilder von Zielen am Boden generieren, die Bordcomputer automatisch diverse Ziele lokalisieren und markieren: »Der Pilot kann einfach einen interessanten Bereich auswählen und die Details heranzoomen«, so die Werbung.
Vor allem aber: Die F-35 kann diverse gelenkte und ungelenkte Waffen tragen – darunter auch Atombomben. Dieser letzte Punkt könnte entscheidend sein für eine gemeinsame Abschreckungsstrategie des Nato-Bündnisses – und dürfte ein wichtiges Argument bei dem Beschluss zur Anschaffung gewesen sein.
»Mögliche Einsätze im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung müssen wir dabei immer im Blick behalten, das haben uns die Ereignisse der letzten Wochen ganz deutlich vor Augen geführt«, hieß es unumwunden am Montag in einem vertraulichen Schreiben des Verteidigungsministeriums an Mitglieder des Verteidigungsausschusses des Bundestages, das dem SPIEGEL vorliegt: »Die F-35A ist das richtige System für glaubwürdige Bündnisfähigkeit und Abschreckung.«
Folgen für die europäische Verteidigungsstrategie
Die Entscheidung für die F-35 hat indes heftige Diskussionen ausgelöst, was eine solche Entscheidung für die europäische Verteidigungsstrategie bedeuten würde.
Wäre die F-35 den russischen Kampfjets ebenbürtig oder überlegen? »Das ist eine Frage für Flugzeug-Nerds, aber für den Ernstfall nicht entscheidend«, sagt Claudia Major, Leiterin der Forschungsgruppe Sicherheit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Ihre Begründung: »Im Ernstfall würde ohnehin eine ganze Rotte gemeinsam fliegen, da kommt es eher auf das Zusammenspiel mit Luftabwehr, Aufklärung, Satellitenunterstützung an, nicht auf einzelne Flugzeugtypen.«
Entscheidend sei vielmehr, ob ein Kampfjet sich ins strategische Gesamtkonzept der Nato einfügt. Das sei für die F-35 der Fall, so Major. Wichtigster Vorteil: »Viele Bündnispartner in der Nato nutzen ebenfalls die F-35: die USA natürlich, dazu sieben europäische Länder. Die F-35 ist das Flugzeug, das in Zukunft für den europäischen Beitrag zur atomaren Abschreckung genutzt wird.«
Deutschland hat sich mit dem Thema bislang schwergetan. Klar ist, dass die Tornados veraltet sind, das System ist nicht mehr zeitgemäß, auch bei der Ersatzteillieferung gibt es immer wieder Probleme, so Major: »Allerspätestens 2030 muss Deutschland die Tornados daher ersetzt haben. Diese Debatte dreht sich nun schon seit 2016 immer wieder im Kreis. Das geht aber nicht von heute auf morgen, die Piloten müssen umschulen auf den Nachfolger, die Techniker müssen ausgebildet werden. Mit einer Entscheidung für die F-35 könnte rasch Klarheit geschaffen werden.«
Beim Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus hatte man sich in den vergangenen Wochen bereits an den Gedanken gewöhnt, die Tornado-Nachfolger für die nukleare Teilhabe nicht zu liefern. Ursprünglich hatte man dem Verteidigungsministerium genau das angeboten: Das eigene Modell, der Eurofighter, sollte so umgerüstet werden, dass er Atomwaffen transportieren könnte.
Doch das hätte die Mitwirkung der amerikanischen Seite erfordert, unter anderem für die Systeme, die für das Andocken und das Ausklinken der Nuklearwaffen notwendig gewesen wären. Für Airbus hätte es auch bedeutet, dass man große Teile der Eurofighter-Technologie den Amerikaner hätte offenlegen müssen. Das hätten die Amerikaner gefordert.
Der neue Chef von Airbus Defence and Space, der Deutsche Michael Schöllhorn, räumt ein, dass die F-35 für die Bundeswehr den einfacheren und schnelleren Weg darstellt, um ihre Aufgaben für die nukleare Teilhabe zu erfüllen. Dies geschehe »nicht zuletzt aus politischen, transatlantischen Überlegungen«, sagt er dem SPIEGEL.
Eurofighter bildet bis 2060 das Hauptkampfsystem der LuftwaffeUmso beharrlicher ist der Airbus-Mann, wenn es um den Ersatz der beiden anderen Rollen geht, die die insgesamt 93 alten Tornados derzeit in der Bundeswehr erfüllen: die elektronische Kampfführung und die konventionelle Jagdbomber-Rolle. »Für die immer wichtiger werdende Rolle der elektronischen Kampfführung plant die Bundesregierung den Kauf von Eurofighter-Flugzeugen«, sagt er: »Eine solche Entscheidung ist für die technische Weiterentwicklung des Eurofighter, der bis 2060 das Hauptwaffensystem der Luftwaffe bildet, von hoher Bedeutung.« In dieser Funktion, so bewirbt es zumindest Airbus, würde der Eurofighter eine Brückentechnologie darstellen, ehe das Future Combat Aircraft System (FCAS) einsatzbereit wäre.
Hintergrund: Ab 2040 soll das neue Lufttverteidigungssystem FCAS verfügbar sein, unter Beteiligung von Deutschland, Frankreich und Spanien. Doch das FCAS soll ganz andere Dinge leisten, als es die F-35 tut: FCAS (Sprich: »Eff-Cas«) soll ein integriertes Luftkampfsystem sein, das weit über einen einzelnen Flugzeugtyp hinausgeht und Drohnen, Satelliten und Kampfflugzeuge vernetzt.
»Wir erwarten, dass die überwiegende Mehrheit der Tornado-Flotte, die derzeit hauptsächlich als Jagdbomber eingesetzt wird, ebenfalls mit technologisch weiterentwickelten Eurofightern ersetzt wird«, sagt Airbus-Chef Schöllhorn und erklärt: »Aus operationeller, technologischer und finanzieller Perspektive wäre eine solche Entscheidung langfristig die beste Wahl für die Wahrung deutscher Interessen.« Letztlich geht es auch um die militärstrategische Frage, ob Deutschland zusammen mit Frankreich und anderen europäischen Ländern weiter in der Lage ist, ein Kampfflugzeug zu bauen.
Auch die F-35 hat ihre Schwächen
Die Einigung auf einen Tornado-Nachfolger hat auch deshalb so lange gedauert, weil die deutsche Politik die Quadratur des Kreises versuchte: Einerseits wollte man ein guter Nato-Bündnispartner mit amerikanischen Flugzeugen sein, andererseits ein guter Partner für Frankreich mit der gemeinsamen Entwicklung von FCAS, so Major: »So ist man dann auf die Idee verfallen, für die Zeit zwischen 2030 und 2040 auf die veraltete F-18 zu setzen, damit man nicht dem europäischen FCAS-System Konkurrenz macht.« Nun scheint die F-18 aus dem Rennen zu sein, zugunsten der F-35.
Allerdings ist auch die nun vom Verteidigungsministerium gepriesene F-35 nicht frei von Fehlern. Immer wieder wurde in Fachkreisen über Probleme der F-35 spekuliert. Immerhin sieben kritische Schwächen seien im Lastenheft, meldete das Portal »Defense News« noch im Juli 2021.
Vor allem in Frankreich wird nach SPIEGEL-Informationen spekuliert, ob mit der Wahl des amerikanischen Tarnkappenbombers das europäische Luftverteidigungssystem FCAS gestorben ist, hinter dem neben Frankreich und Deutschland auch Spanien steht. Frühestens im Jahr 2040 sollte FCAS zur Verfügung stehen. Doch sogar an diesem späten Termin zweifeln Experten, so auch Ulrike Franke, Militärexpertin beim Thinktank European Council on Foreign Relations schon letztes Jahr gegenüber dem SPIEGEL: »Ob FCAS tatsächlich bis 2040 fertig sein wird, ist fraglich.«
Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine ist nun offenbar die Überzeugung gereift, dass Deutschland nicht noch 18 Jahre mit der Indienstnahme eines Tornado-Nachfolgers warten kann. Die F-35 wäre also eine mögliche Zwischenlösung, bis (und falls) FCAS irgendwann einmal einsatzbereit ist.