Ich hock mich in die Linda Bar gleich gegenüber vom Hotel und packe mein Ticket und die Online Reiseunterlagen genau zur Abflugzeit meines Fliegers aus, damit der Frust sein Maximum erreicht.
Billig war´s ja mit 370€, beschwichtige ich mich selbst. Noch mal das Gleiche zahlen, damit du heim kommst, ist immer noch o.k. - insgesamt gesehen. Erst recht nachdem was alles geschehen ist.
Für was waren eigentlich die 15€ unter den 30€ für Rail and fly? Eine Reisegepäckversicherung bis 3.500€?! Ich fass es nicht! Aus Versehen das Häkchen nicht gelöscht bei der Online Buchung. Ich bekomme einen innerlichen hysterischen Lachanfall. Wo ist meine Verlustliste? Ich glaube fast, ich muss da noch ein bisschen was ergänzen….
2 Bier später interpretiere ich vergnügt den verpennten Rückflug als Zeichen einer höheren Macht, die es mal wieder gut mit mir meinte, und zeigen will, dass es einfach noch nicht soweit war. 3 Bier später als pures Glück und das Beste was mir hat passieren können. Ich beschliesse die vom Chef abgesegneten 2 Wochen voll mitzunehmen und noch mal auf eine Insel zu fahren. Ich brauch jetzt einfach Urlaub von diesem Urlaub.
Im Internet Cafe lese ich, dass sie Rachel mittlerweile auch rausgelassen haben. Die beiden Japsen hingegen hocken immer noch, die armen Schweine, schreibt sie. Wir verabreden uns für den nächsten Abend in Bangkok in der Khoasan vorm 7/11.
Als ich am nächsten Tag mittags in der Khoasan einlaufe, wundere ich mich, warum überall Palettenweise Wasser rum steht. Gibt´s etwa Gratis-Wasser ab 40 Grad – denn die haben wir auch heute bestimmt schon wieder. Nein, ist wegen Songkran, sagt einer. Grosses Thai-Wasserfest. Noch nie davon gehört. Feuerfest hatte ich ja auch schon kürzlich. Mal was anderes. Wird bestimmt lustig. Hoffentlich ersauf ich nicht bei meinem Glück.
Um 7 erscheint wie verabredet Rachel. Ich sehe sie schon von weitem mit ihren knappen 1,80 in Badelatschen und brünetten Haaren. Klasse sieht sie aus. Natürlich jetzt auch viel entspannter als noch vor einer Woche. Sie ist mehr so der Osteuropa-Typ, also nicht so rassig wie viele Israelinnen.
Wir begrüssen uns überschwänglich wie alte Freunde. Hätte nicht gedacht, sie nochmals zu sehen in meinem Leben.
Ich hole 2 Bier, damit wir beratschlagen, was wir heute abend machen. Beim trinken fällt mir wieder auf, dass ich ihr irgendwie nicht in ihre smaragdgrünen Augen schauen kann, sondern immer auf eines schiele. Das liegt daran, dass ihre Augen so weit auseinander stehen und horizontal noch dazu leicht asymmetrisch versetzt sind. Fiese Sache! Dazu hat sie noch so was verrucht ludriges und eine Stimme wie Marlene Dietrich. Faszinierende Anatomie-Besonderheit jedenfalls. Genau wie eine Etage tiefer, denn die kannte ich ja auch schon vom sehen: Riessen-Brüste, an denen Mann sich leicht einen Zahn ausschlagen könnte und die mittags keinen Schatten werfen.
Irgendwie werde ich langsam geil auf dich, Mädchen.
Ich teile ihr mit, dass ich sie schön zum Essen ausführen will in die Sukhumvit. Im Gegensatz zu ihr bin ich ja wieder flüssig mittlerweile. Das machen wir morgen, sagt sie. Heute bist du eingeladen. Es ist nämlich Beginn des jüdischen Pesachfestes.
Wir laufen durch ein paar Gassen und gehen in ein Hotel mit Davidstern rein. Alle stürmen auf sie zu und begrüssen sie herzlichst. Aha, scheint bekannt zu sein, die Gute. Ich hingegen bin der einzige anwesende Arier, soviel steht jetzt schon fest. Dementsprechend werde ich auch gleich - insbesondere von den Männern - misstrauisch beäugt. Wir gehen zu einer festlich gedeckten langen Tafel mit Judenkerzenhaltern und ich bekomme einen Platz zugewiesen. Rachel verschwindet aufs Klo. Für lange 5 Minuten. Keiner nimmt Notiz von mir. Ich komme mir vor wie ein Schwarzer auf dem NPD Parteitag in Leipzig und fange vor lauter Unwohlsein an zu schwitzen wie Schwein.
Endlich ist sie wieder da. Sie geht zum Fuss der Tafel und stellt mich der Truppe als „morrison, a nice german guy, who recently saved my life in Loas“ vor, und erzählt kurz was ihr bzw. uns in der letzten Woche so alles widerfahren ist. Das ändert die Stimmung schlagartig. Respektvoll wird mir von allen Seiten zugenickt, die Frauen lächeln mich an, sofort bekomme ich was zum trinken, jeder will sich mit mir unterhalten, nach 10 Minuten habe ich die erste Einladung für einen Israel Besuch.
Ich will nach der Karte fragen, weil ich einen Mordskohldampf schiebe, doch Rachel stoppt mich. Nein, es ist Pesachfest, da isst man traditionell ungesäuertes Mazzen Brot - das bereits in Körben auf dem Tisch steht-, ( Bitter-) Kräuter und trinkt Salzwasser aus Karaffen. Dazu werden später dann noch andere symbolische „Leckereien“ gereicht.
Und das soll ein Fest sein?! Das ist ja noch schwachsinnigerer als an Weihnachten Würstl mir Kartoffelsalat zu essen, denke ich mir, ein Brauch der mir als Gourmet und Hobby-Koch schon immer ein unverständliches Gräuel war.
Aber o.k., sicher eine Ehre hier teilnehmen zu dürfen, und solange ich kein Lamm schächten muss, geht das alles schon in Ordnung. Nebenbei bekomme ich erklärt, was alles kosher, und was „trefe“ - also unrein ist. Meine für den Abend erhofften Garnelen bekomme ich hier jedenfalls nicht, die sind definitiv trefe. Haben nämlich keine Schuppen. Aha. Soso…
Nach ein paar Stunden und zahlreichen widerlichen Häppchen reicht es mir dann langsam, obwohl es eigentlich eine ganz lustige Runde ist. Aber halt schon sehr speziell auch. Zudem befürchte ich mittlerweile, dass der Genuss eines unbeschnittenen deutschen Nazi-Schwanzes wohl auch alles andere als Torakonform an Pesach gilt, und die Rachel-Beischlafwahrscheinlicht somit heute bei 0 Prozent liegen dürfte. Da brauch ich mir gar nichts vormachen.
Ich verabschiede mich unter einem Vorwand. Rachel sagt, sie besucht mich morgen in meinem Hotel. 10 Minuten später vertilge ich meinen 2 Big Mac. Ich hake den Abend als tolle, interessante kulturelle Erfahrung, aber kulinarische Katastrophe ersten Ranges ab.
Am nächsten morgen will ich meinen Rückflug klarmachen. Ich gehe aus dem Hotel raus, will gerade meinen druckfrischen neuen Pass und Kohle verstauen, da fährt ein Pickup vorbei und schüttet 30 Liter Eiswasser auf mich. Alles klitschnass. Ich hasse Songkran. Ich muss hier sofort weg.
Eine Stunde später habe ich 2 Tickets. Eins Richtung Heimat via Amman in 11 Tagen und eins für Koh Chang. In 2 Stunden ist Abfahrt.
Es sind bereist 3 Tage vergangen und ich bekomme allmählich Abstand von allem, was in so in letzter Zeit geschehen ist - wenn man davon absieht, dass ich fast immer noch jeden morgen bzw. nachts beim Aufwachen panisch hochschrecke und bei Grillgeruch nur an eines denken kann. Mein schlimmes Bein entwickelt sich ebenfalls ganz passabel.
Ich lasse mich im Treehouse gerade wieder mit allerei Meeresgetier verwöhnen und unterhalte mich dabei angeregt mit einer Mayottinerin über Endemik, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt. Rachel! Mit 2 anderen Zion-Granaten im Schlepptau. Ich hatte mich nicht von ihr in Bangkok verabschiedet, sondern bin quasi einfach kurz Zigaretten holen gegangen.
Scheint ein bisschen sauer zu sein, die Gute. Aber nur kurz. Es ging alles so schnell, Songkran, mein Heimflug und hier gibt’s kein Internet, bla bla.
Lass uns ein bisschen mit meiner Cross Maschine über die Insel fahren, sage ich. Wir halten an einer unzugänglichen Stelle und klettern über Steine zu einer einsamen Stelle direkt am Meer. Ein 3-Meter-Waran hasst uns dafür, dass wir seinen Sonnenplatz in Beschlag nehmen.
Wir sprechen wieder über Laos. Die Japsen sind auch frei und schon daheim. Nein, das war nicht ihr richtiger Freund, sondern mehr so eine Bekanntschaft. Aha. O.K..
Schön hier, aber sehr heiss. Hier könnte man toll baden, aber ich hab nix dabei, fängt sie auf einmal zu turteln an. Den gleichen Gedanke hatte ich auch gerade, balze ich zurück.
Abends hocken wir zu 4. beim Essen. Mittlerweile berühren wir uns im Minutentakt rein zufällig und verhalten uns wohl ein bisschen teenyeske. Da fällt auch ihren beiden Freundinnen auf, die uns für wichtige Emails mal eben verlassen müssen.
Auf dem Heimweg sagt sie, sie hätte eine grosse Spinne plus Monster-Lizzard, evtl. auch noch eine Schlange in ihrer Hütte und Angst, da jetzt alleine rein zu gehen. Na dann komm doch noch mit in meine. Ich hab Minibar, Klimaanlage und Rauchmelder.
Am nächsten morgen beschliessen wir gemeinsam beim Frühstück im Bett, noch auf eine kleinere Insel zu fahren. Es sollte die vielleicht schönste Zeit ever im LOS werden, definitiv aber die der letzten 5 Wochen.
6 Tage später hocke ich mit Depressionen am Flughafen auf Gate 28.
Na, auch unglücklich verliebt in eine Thai, fragt aufdringlich ein Ösi. Ach halt doch die Fresse, Du Depp, du hast doch keine Ahnung, denke ich mir.
Hier geht gerade mehr zu Ende als nur ein „Urlaub“. Goodbye, Rucksack-Reisen. Schön war´s, aber ich bin raus.