In den Lexika steht er geradezu bemitleidenswert schlicht als
สมเด็จพระนารายณ์มหาราช Somdet Phra Narai Maharat, was dann meistens an gleicher Stelle noch gewöhnlicher als "König Narai der Große" übersetzt wird. Dabei wäre "Seine Majestät der geheiligte Großkönig..." für
สมเด็จพระมหาราช Somdet Phra Maharat... ja wohl das Mindeste an korrekter Übersetzung, was man als monarchietreuer Thai gerade noch durchgehen lassen dürfte.
Jedenfalls ist sein heute gebräuchlicher Name nur ein matter Abglanz des tatsächlichen Herrschernamens zu seiner Zeit, Man findet für Narai auch gelegentlich den Namen
Ramathibodi III., den man am besten gleich wieder vergißt, denn Ramathibodi nannte sich schon der erste König von Ayutthaya -- und nach ihm gefühlt fast jeder zweite Usurpator, der im alten Siam eine neue Dynastie begründete. Oder er wurde später so benannt. Ingesamt gab und gibt es nach meiner Zählung 13 Ramathibodis in Ayutthaya und Bangkok. Der derzeitige König Wachiralongkon, der zehnte Chakkri, ist zugleich der dreizehnte "Ramathibodi". Fast alle Thai Herrscher teilten und teilen heute immer noch die Obsession mit
Rama, des siebten Avatars des Hindu Gottes Wischnu, in dessen Tradition und mythologischer Nachfolge sie sich als perfekte Gottkönige sehen -- und übrigens auch als Nachfolger von Wischnus weiteren Inkarnationen:
Krischna, der achte, und
Buddha, der neunte Avatar des mächtigsten Hindu-Gottes und Weltretters.
Thailändische Namen sind gerade für Thais selbst oft Schall und Rauch und das schließt die Könige mit ein.
Bis zur Herrschaft König
Mongkuts, des vierten Chakkri, unterschrieben nicht einmal Siams höchste Gottkönige ihre Mitteilungan an andere hohe Herrscher und Potentaten mit einem tatsächlichem Namen.
"König Narai der Große" (1632-1688), herrschte ab 1658, nachdem er innerhalb weniger Wochen seine beiden Vorgänger -- erst seinen Bruder und dann noch seinen Onkel -- in einen Sack stecken und mit Hartholzknüppeln totprügeln ließ. Als erwiesener Schöngeist, der er danach offenbar wurde, korrespondierte er unter anderem mit dem Sonnenkönig
Ludwig XIV, und ließ die von seinen Skribenden verfaßten Briefe nach Paris schlicht und bescheiden mit
Grand roi du royaume d'Ayutthaya ("Großkönig des Königreichs Ayutthaya") unterzeichnen.
Zugleich wurde aber sein persönlicher Gesandter
Kosa Pan wie folgt unterrichtet:
Wenn man Euch nach dem Namen des Königs fragt und wie er angeredet wird (...), antwortet Ihr, daß er bei seiner Krönung สมเด็จพระนารายณ์ราชาธิราชชาติสุริยวงศ์ Somdet Phra Narai Rachathirat Chad Suriyawong genannt wurde. Nachdem er gekrönt war, hieß er สมเด็จพระมหากษัตราธิราชสยัมภูญาณ Somdet Phra Maha Kasattrathirat Sayam Phu Ya. Wenn er aber anderen Königen schreibt, nimmt er einen weiteren Namen an, der alle seine Vorzüge umschließt.
Und gleich in einer nächsten Instruktion hieß es:
Sollte man Euch drängen, den Namen des Königs zu nennen und zu erläutern, so sagt, daß alle Wörter, aus denen er sich zusammensetzt, dem Pali entstammten und sehr schwierig seien; fügt hinzu, ihr fürchtet, ihm nicht gerecht werden zu können, und würdet daher (schon) beim Versuch, dies zu tun, einen Fehler begehen.
Quelle: Dirk van der Cruysse: The Diary of Kosa Pan (...), Chiang Mai: Silkworm 2002, 5 f.
Fehler im Zusammenhang mit dem König zu machen war damals sehr oft tödlich.
In diesen zusammengesetzten hohen Dichtungen ist
Narai (von Sanskrit Narayana) der einzige tatsächliche Name, wobei es sich um eine der vielen Varianten des Hindu-Gottes
Wischnu handelt, mit dessen Aura sich schon die Gottkönige in Angkor gerne schmückten. Alle anderen Bestandteils sind entweder hohe Floskeln wie zum Beispiel in der oben stehenden ersten Variante seines Herrschernamens
ราชาธิราช Rachathirat (= „König der Könige“) oder sie weisen auf die allerhöchste Herkunft hin. Schon Narais Vater
Prasat Thong schmückte sich zeitweise mit dem indischen Namen
สุริยาวงศ์ Suriyawong (nach dem Hindu-Gott der Sonne, Sanskrit:
Sūrya und
vaṃśa: „Geschlecht“, „Linie“, „Dynastie“).
Die Namensbestandteile der nach Narais Krönung gültigen, zweiten obenstehenden Dichtung:
สมเด็จพระมหา Somdet Phra Maha: das ist der höchstmögliche königlich-sakrale Titel („Seine Majestät der geheiligte, der Große...“).
กษัตราธิราช Kasattrathirat: Herrscher (von Sanskrit
Kshatriya) und König der Könige.
สยัมภูญาณ Sayam phu yan (von Sanskrit:
Svayambhu) „der aus sich selbst heraus entstandene“ oder „der Selbstseiende“: ein Wesen, das die höchste Wahrheit aus eigener Kraft – ohne Lehrer – erlangt hat. Dazu Pali
und Sanskrit
Yana, das „höchstes Wissen“, „Erkenntnis“ oder „allwissende Weisheit“ bedeutet
Zusammengefügt war
Somdet Phra Maha Kasattrathirat Sayam Phu Ya, worin der eigentliche Name nicht vorkommt, der absolute, formelle Hoheitsbegriff für einen allerhöchsten souveränen Herrscher. Daß Kosa Pan diese in einen Namen gepreßte Heldendichtung über seinen König als Instruktion für den französischen Hof erhielt, mußte ja wohl den Europäern unmissverständlich klarmachen, dass der König von Ayutthaya ein mächtiger Großkönig auf Augenhöhe mit dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. war.
Dabei ist
Narai übrigens eine Ausnahme unter Siams Königen, weil er tatsächlich schon gleich nach der Geburt diesen Namen trug und lebenslang behielt. Die Familie soll der Legende nach, als sie den neugeborenen Säugling erblickte, für einen kurzen Moment gesehen haben, daß das Baby vier Arme gehabt hätte, einen Augenblick später seien es dann aber doch wieder zwei ganz normale Arme gewesen.
Legende hin oder her, Vater
Prasat Thong, sah darin jedenfalls ein göttliches Omen und war überzeugt, dass sein Sohn eine Inkarnation des vierarmigen Gottes
Wischnu sei. Darum hieß der Neugeborene in der Familie vom ersten Tag an bereits
Chao Fa Narai. (Chao Fa = Sohn bzw. Kind des Himmels; das ist die in Thailand heute noch gültige Bezeichnung für Kinder eines Königs)
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