Zitat L.d.M. :
In unseren westlichen Demokratien stützt die gesunde Mittelschicht die Demokratie .
Aber in Thailand will gerade diese Schicht , vornehmlich in Bkk beheimatet die überwiegende Mehrzahl der ärmeren Einwohner Thailands von diesem Meinungsbildungs und Entscheidungs Prozess abkoppeln .
Nach meiner Einschätzung ist
die Mittelschicht hier in Thailand sehr offen für demokratische Grundprinzipien...das Problem n.m.E. liegt in den Gegebenheiten der gewachsenen Gesellschafts-Struktur.
Die sogenannte Unterschicht ist in einer erdrückenden Überzahl und mangels Bildungswilligkeit, häufig nicht fähig, um an dieser Entwicklung, zu demokratischeren Prinzipien hin, teilzunehmen.In folgendem Interview werden weitere Punkte "beleuchtet":
03.09.2008
Ein Land im WandelHintergründe des Machtkampfs in Thailand
Beatrix Novy im Gespräch mit
Bernd BastingDie politischen Demonstrationen in Thailand machen deutlich, dass Thailand mehr ist als Urlaubsstrand und Tempelbezirke. In dem Land ist inzwischen eine neue ökonomische Mittelklasse gewachsen, die nach Ansicht des Thailandkenners Bernd Basting spürt, dass ein Thailand ein unsicherer Investitionsstandort geworden ist.
Beatrix Novy: Fliegende Händler, wandernde Masseure und Musikanten machen zurzeit gute Geschäfte mitten in der Menschenmenge vor dem Regierungssitz in Bangkok. Nach neun Tagen Belagerung würden sie da gebraucht. Die Nachricht in der letzten Tage erinnern daran, dass Thailand noch was anderes ist als Urlaubsstrand und Tempelbezirke, nämlich ein Tigerstaat der frühen Jahre, ein Land, in dem eine neue ökonomische Mittelklasse gewachsen ist, nicht nur in den Städten, ohne die Last der kolonialen Vergangenheit, seit über 70 Jahren konstitutionelle Monarchie mit seiner traditionellen Offenheit für westliche Besucher immer besonders attraktiv. Das Kräftemessen in Bangkok ist nicht leicht zu durchschauen. Wer sind genau die Demonstranten, die Premier Samak Sundaravej zum Rücktritt zwingen wollen? Das habe ich den Kollegen und Thailandkenner Bernd Basting gefragt.
Bernd Basting: Die Gruppe, die dahintersteht, nennt sich Volksallianz für Demokratie, PAD, und sie versteht sich als Repräsentant des thailändischen Volkes, das eine seriöse politische Kultur haben möchte mit demokratischen freien Wahlen, unkorrupt, ohne Klientelismus. Es ist eine Gruppe, die sich vor allem aus Medienvertretern, aus Vertretern der industriellen und Dienstleistungsmittelschicht rekrutiert und für die es spürbar ist, dass Thailand ein unsicherer Investitionsstandort geworden ist, auch für die ausländische Industrie. Und sie möchten diesen Zustand ändern. Sie möchten Thailand als einen sicheren rechtsstaatlichen, realdemokratischen Investitionsstandort etablieren, der er seit 2005 leider nicht mehr ist, seitdem drei Wahlen stattgefunden haben, zwei Parlamentsauflösungen, drei Parteienverbote, ein Putsch und eine neue Verfassung etabliert worden ist. Das heißt, das System ist sehr unsicher geworden, und viele ausländische Investoren schrecken zurück vor Engagement in Thailand, und das ist schlecht für thailändische Mittelschicht.
Novy: Aber wie verträgt es sich mit demokratischen Vorstellungen, dass die Volksallianz die Forderung nach nur 30 Prozent gewählten Abgeordneten erhebt, die Übrigen sollen ernannt werden. Kann man das freundlich interpretieren als Versuch, überkommene soziale Regelsysteme mit moderner Demokratie zu verschmelzen, weil es nun einmal nicht anders geht, weil wir uns nicht im Westen befinden?
Basting: Das ist wohl so. Man weiß um die Tatsache, dass Thailand eine junge Demokratie ist, die instabil ist. Es gibt ja eine viele Jahrzehnte lange Tradition militärischen Interventionismus in die Politik. Thailand hat ja viele Militärdiktaturen gehabt. Eine demokratische politische Kultur muss wachsen. Und dieser Vorschlag ist wahrscheinlich in diesem Kontext zu sehen, dass man dieser Kultur Zeit geben will, um den Thai sein demokratisches Bewusstsein sich entwickeln zu lassen.
Novy: Wobei der Hintergrund auch ist, dass viele Stimmen gekauft wurden bisher?
Basting: Das ist wahr. Die Wahlkommission hat ja jetzt festgestellt, dass die PPP, die Volkspartei von Samak, viele Stimmen unredlich erworben hat und schlägt ja dem obersten Gerichtshof vor, Neuwahlen auszurufen und die vorherigen Wahlen zu annullieren. Da wird sich zeigen, ob diese dritte Kraft, die Judikative, tatsächliche eine unabhängige Kraft sein kann in der politischen Kultur.
Novy: Wer würde aber denn die Parlamentarier, die ernannt werden, ernennen?
Basting: Ja, das ist eine gute Frage. Man spielt mit einem Modell von Wahlmännern, wie es in den USA auch existiert. Aber wenn Sie mich fragen und auch andere Fachleute, wird dieses Modell nicht Wirklichkeit werden, weil doch auch starke Kräfte in der Volksallianz und überhaupt in der demokratisch gesinnten Mittelschicht in Thailand für freie Wahlen sind nach westlichem Modell. Und das ist ein Modell, was sich sicher nicht durchsetzen wird.
Novy: Gibt es denn andere Möglichkeiten, traditionelle Vorstellungen und Mentalitäten einzubinden in moderne Demokratie, Regularien?
Basting: Ja, da ist es schwierig, wenn man sich umsieht in der politischen Zeitgeschichte Thailands. Es gab Könige, die regiert haben über viele Jahrhunderte, es gab Militär, das regiert hat über viele Jahrzehnte. Der buddhistische Klerus hat sich eigentlich relativ stark immer zurückgehalten, steht aber seit den 80er Jahren doch auch sehr stark auf Seiten der städtischen Mittelschichten, die demokratisch gesinnt sind. Und der Sanga, dieser buddhistische Klerus, hat durchaus auch einen Einfluss auf diese politischen Kräfte, die auch um die Volksallianz versammelt sind. Es gibt keine gewachsenen demokratischen Modelle in diesem Land. Auch auf kommunaler Ebene nicht, wie es das zum Beispiel in Indien mit dem Dorfräten gibt oder in anderen Regionen. Das gibt es in Thailand nicht. Das heißt, Thailand und die thailändische Bevölkerung muss Demokratie lernen, ganz neu lernen. Und es gibt keine einheimischen Modelle, die da zur Verfügung stünden.
Quelle:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/841992/