Wenig heile Welt
Zwei Dörfer, weit weg von der Stadt. Das eine ist etwa vierhundert Kilometer südöstlich von Chiang Mai entfernt, das andere sogar achtzig
Kilometer weiter. Beide haben gemeinsam, dass die Hauptstrassen das tägliche Leben wenig beeinträchtigen. Am einen Dorf gibt es eine
Umfahrungsstrasse. Der andere Ort liegt am Fuss eines Hügels in einem Naturschutzgebiet, dreizehn beschwerliche Kilometer vom Distriktshauptort
entfernt.
Schwerverkehr gibt es kaum, höchstens für rare Baustellen. Nachts herrscht fast beängstigende Stille, nur unterbrochen durch heulende Hunde
und quäkende Fernseher. Selten schreit ein hungriges Neugeborenes. Irgendwo schluchzt und weint fast unhörbar ein Kind. Zwei Fremde, weiblich,
männlich, schlendern mit knurrenden Mägen leise durch die leeren Strassen.
In beiden Weilern gibt es Tempel, Schulen, kleine Gemüsemärkte, tagsüber Kneipen, Schnaps und davon mehr als genügend. Freundliche Menschen
grüssen den noch seltenen Farang mit einem Wai. Ein kleines Stück heile Welt, nach dem gemütlich gehetzten Treiben in der Nähe einer Möchtegern-
Grossstadt. Farbenprächtige Märkte, neuartige Düfte aus Garküchen mit demselben ranzigen Fett wie im Norden. Gereizte Eindrücke durch Luftfetzen
verrottenden Kehrichts.
Junge Frauen, welche ihre Komplexe trotz hohen Preisen mit gleissenden Haarfarben abreagieren. Schillernde Paradiesvögel, aufgelegt zum Turteln.
Keine rührigen Täubchen, eher schwerfällige Glucken, dennoch strahlend nett. Ältere, eher wohlbeleibtere Weiber mit strähnigen Haaren, vom Wetter
gegerbter Haut und fehlenden Zähnen, ist das der Zahn der Zeit, zeigen die eher düstere Zukunft der jungen Dinger. Vor Jahren waren gewiss
mehrere der Alten genauso appetitliche Häppchen und Häschen.
Aus dieser Umgebung am Rande des Dschungels stammt unser Mowgli. (1)
Bei seinem ersten Besuch in Chiang Mai bemerkte ich als einziger dunkle runde Flecken, komische Verletzungen an seinen Beinen. Auf meine Frage
danach, erhielt ich keine Antwort. Dick bohrte später behutsam weiter.
Dem Knaben wurden von aussergewöhnlichen Kinderfreunden wiederholt brennende Zigaretten an den Beinen ausgelöscht. Gehobene Abendunterhaltung
im Dorf!
Beim Schuleintritt hier bat Dick darum, dass der Knabe im vorderen Teil des Klassenzimmers sitzen könne, weil er teilweise sehr schlecht hört.
Hörschaden bei Kindern? Ich vermutete als Schadensursache gleich heimtückisch plazierte Ohrfeigen und Maulschellen. Leider bestätigte Dicks
Befragung meine Vermutung. Wir kennen sogar die mir wohlgesinnte Übeltäterin. Sie prügelte trotz ihres gütigen Gesichtes und ihrer heilenden
Hände bereits mehrere Kinder spitalreif.
Möglicherweise kann ein Gehörspezialist helfen. In unserem kleinen Spital gibt es keinen Ohrenarzt. Die Spitaladministration stellt Mowgli jedoch
einen Ausweis aus, mit dem er dann am Universitätsspital behandelt werden kann. In etwa dreissig Tagen erhält er die (früher 30 Baht)
Versicherungskarte. Sollte er während dieser Zeit einen Unfall erleiden oder eine Blinddarmentzündung haben, bezahle ich.
Für den Preis von wenigen Flaschen Wein dürfte Mowglis Hörvermögen in wenigen Wochen laut den Spezialisten in Chiang Mai RAM wieder der
Norm entsprechen.
Welche unmenschlichen Gemeinheiten und Foltern musste der Knabe und müssen Kinder weltweit täglich erdulden? Sind dies die Gründe für meine
zeitweilige spastische Anorexie? Erbrechen kann ich schon lange nicht mehr.
Am Beginn meiner Schulzeit hinterliess die Ermordung eines Säuglings im Nachbarhaus bleibende Eindrücke und löst noch heute Beklemmungen aus.
(1)
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Dschungelbuch(2)
http://de.wikipedia.org/wiki/Anorexie