
20:49 Uhr Freunde, herzlich willkommen zum Ticker, heute aus der Casa de Raack, in die mich der Kollege eingeladen hat. Und was soll ich sagen: der Mann hat einfach Stil. Serviert eiskaltes Dosenbier und gibt mir Harry Valeriens EM-Buch 1988 als Unterlage für meine Maus. Darin der Kader eben schon für Lacher sorgte: Litti, Hansi, Eckes, Wutti, Uli, Eike, Loddar, alle sind sie da. Ich finde: Heute kann nichts schief gehen.
20:51 Uhr Derweil Stani an der Taktiktafel: »Hennessy, das ist einstudiert.« Klingt wie aus dem Whiskey-Seminar, das ich mir selber zu Allerheiligen geschenkt habe. Weil ich es mir wert bin.
20:53 Uhr Gerade in der Küche gewesen, wollte Reich was erzählen, während ich das Dosenbier kühlte, doch er war schon nicht mehr da, als ich startete, was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht wusste. Ich faselte was von Gareth Bale und das ich mir sicher sei, dass er heute ein großartiges Spiel zeigen werde. Reichs vermeintliches Schweigen nahm ich als Zustimmung wahr und lobte anschließend Bales Fähigkeiten. Dann drehte ich mich um, statt Reich saß dort George Best. Wir prosteten uns zu, er war meiner Meinung. Dann musste er los. Sein Geld verprassen.
20:55 Uhr Düdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüdüüüü.... Immer wenn ich Mark Forsters EM-Song-Gitarrenriff höre, möchte ich es nachspielen. Mit einem Vorschlaghammer. Auf meinem Musikantenknochen.
20:59 Uhr Wales schmettert die Hymne in den Abend von Lille, irgendwo schreckt Ryan Giggs beim Yoga in die Höhe und renkt sich einen Muskel aus. Sein Schrei klingt wie Kriegsgeheul. Wales sie sich wert sind.
1. Tickeranfänge, die klingen wie bösartige Reiseführer: Es schifft in Lille.
2. Auf Belgiens linker Seite offenbar der große Bruder von Edgar Davids. Also etwa 47 Jahre alt. Soll hier aber seine ganze Erfahrung aufbringen und verwirrt seinen ersten Gegenspieler prompt mit einer Kriegsgeschichte.
3. Und schon muss ich mich korrigieren. Reich, ganz Schlauchfuchs, klärt mich auf: »Unwissender Narr! Das ist der kleine Bruder von Rommels Lukaku!« Dann muss Reich los, heute ist Berliner Meisterschaft im Eckenrechnen.
4. Romelu Lukaku wurde übrigens gerade hoch angespielt. Wobei »hoch« wirklich hoch meint, solche Flanken schlagen normalerweise im 2. Stock die Scheiben ein. Hier aber steigt Lukaku, der ältere, immer höher, klatscht mit Sternen und Monden ab, ehe er den Ball mit der Brust annimmt und zu Boden schwebt. Ein Leuchtturm auf zwei Beinen. Ob er Belgien den Weg ins Halbfinale leuchtet.
6. Und plötzlich: die fetteste Chance seit sich Gott entschied, den Menschen ein Gehirn zu verpassen – dreimal knüppelt Belgien den Ball aufs walisische Tor. Dreimal werfen sich die Waliser rein, als gelte es das eigene Kind vor einem heranlassenden Auto zu beschützen. Oben, im Himmel der Helden, sitzt Braveheart und wischt sich eine weiß-blaue Träne von der Wange.
10. Und dann geht endlich mal ein langer Ball auf die linke Seite der Waliser, da wartet Gareth Bale und auf einmal explodieren ihm die Waden. Er fegt los, läuft da Richtung Ball, als stehe er in Flammen und müssen die Glut aussprinnten, nimmt den Ball schließlich mit, legt ihn vor und drischt drauf. Stünde neben dem Tor ein Pferd, es wäre jetzt tot. So aber nur: Außennetz.
14. Ooooooooooohhhhhhhh, Raja Nainggolan nimmt sich ein Beispiel an seinem Vornamen, es macht kurz »RAJA« und RRRRUUUMMMMSSS, hat der Mann das Ding aus 25 Metern direkt in den Knick geschweißt. Und morgen geht er zum Tätowierer und lässt sich die Flugbahn auf den Oberkörper nadeln. Und zwar zurecht.
16. Dieses Tor. Es war so schön, es hatte so viel Charakter, so viel Power, es war so einzigartig, dass ich direkt in mein fliegendes Motorrad von Gruner und Jahr gestiegen bin, um das Tor in Lille zu treffen. Wir waren was essen, was trinken, ich machte es betrunken und brachte es artig vor die Haustür. Weil ich dem Tor einen Namen geben wollte, nannte ich es Pia. Morgen sind wir wieder verabredet. Ich glaube, da geht was. Dieses Tor...
18. Oh Gott, dieses Tor war so wunderschön, ich konvertiere jetzt zu den Rajafaris.
20. ZDF-Mann Schmidt (Grüße von hier!) gerade mit einer hübschen Info: »Bis zu 15.000 Belgier im Stadion und etwa 100.000 über ganz Lille verteilt.« Mal angenommen, jeder dieser 100.000 Belgier würde pro Tag 10 Dosen Starkbier trinken, so 8,6 Prozent, dann wären das nach meiner Rechnung 17200000 Prozent. Was ich stark finde.
23. Die Waliser nach vorne bislang harmloser als Kader Loth beim Promi-Glücksrad. Wir kaufen ein »ö« und wollen lösen: Tschööööööö, liebe Waliser.
25. Hazard und de Bruyne im Mittelfeld zu haben, muss sich zu anfühlen wie Michael Stich zum Doppel mitzubringen.
28. Neil Taylor plötzlich ganz frei vor dem belgischen Tor am Ball, hält den Fuß hin, der Ball muss eigentlich drin sein, aber Belgiens Torwart Courtois tilgt dann das Wort »eigentlich« aus dem internationalen Wortschatz. Es bleibt beim 0:0. Das stolziert übrigens gerade mit seinen Luxusfreunden zum Yachthafen, um für 300 Euro Champagner zu ordern und über die Angestellten zu lachen. Es ist eines der besseren Sorte.
30. Kann nicht Aaron Ramsey mal treffen? Und kann man sich jemanden wünschen für den Ramsey-Fluch? Und wie schreibt man eigentlich Tatjana Festerling? Frage für einen Freund...
29. Die belgische Variante der möglichen gleichgeschlechtlichen Eheschließung zwischen einer englischen und einer nigerianischen Fußball-Legende, Robson-Kanu, mit einer hübschen Chance für Wales, die geht noch vorbei, aber dann dieses:
33. Unglaubliches Tor: Die Waliser postieren sich bei einer Ecke mit vier Mann direkt hintereinander am Elfmeterpunkt, als würden sie eine Conga-Schlange starten wollen, vielleicht zu Ehren von Nainggolans Tor. Dann aber kommt die Ecke, das Waliser Pulk löst sich auf und zack, 1:1 vom »dicken Sechser«, wie Raack ihn nennt. Haben jetzt leider keine Zeit, den Namen zu suchen, wir müssen jetzt unsererseits eine Conga-Schlange starten.
33. Das Spiel schon jetzt aufregender als Portugal-Polen. Wie die aufregende neue Mitschülerin mit dem eigenen Mofa gegen Susi mit der Zahnspange aus dem Nachbardorf.
35. Vorrausgegangen war der Ecke übrigens ein starker Antritt von Robson-Kanu. Und irgendwo auf der heimischen Couch ist sein Onkel Nwanku mächtig stolz.
37. Unterdessen pinselt sich ein verschwitzter Marc Wilmots an der Seitenlinie ein neues Hemd auf den Oberkörper.
37. Und jetzt, man glaubt es kaum, beherrscht Wales das Spiel. Die Phrase »Geheimfavorit« wird, nicht sichtbar für die Zuschauer, gerade schwarz und gelb und rot verprügelt.
40. »Das ist der Song dieses Turniers«, so Schmidt euphorich, als die Waliser »Please don't take me home« anstimmen. Und irgendwo in Nordirland macht sich Will Grigg mit einem wissenden Lächeln noch ein Bier auf.
40. Draußen schnaubt Belgiens Nationaltrainer Marc Wilmots derweil in seiner Coaching-Zone wie ein Trüffelschwein im Feinkostladen. Er würde ja gerne. Rauf auf den Rasen, ackern, rackern, kämpfen. Im Geiste mit Youri Mulder an der Seite und irgendwo hinten Olaf Ton. Die langen Dinger von Anderbrügge würde er, das Kampfschwein, dann reinrasseln, irgendwie. Aber er darf ja nicht mehr. Er ist alt und Trainer. Armer Marc Wilmots.
43. Die Engländer: sangen schon immer. Die Iren? Aber hallo. Die Nordiren und Waliser? Können fast noch lauter schmettern. Was ist das nur für eine Insel, wo jedermann besser singen kann als der gemeine Deutsche? Ob man dort die Rechnung gegrölt bekommt, wenn man sein Mittagessen bezahlen will? Krakelt selbst die Queen vielleicht im kleinen Kreis oben ohne ihre Lieblingsschlager? Vielleicht wollen wir das doch nicht wissen.
45. Wieder diese Eckballvariante. Mehrere Waliser stellen sich in Reih und Glied und irgendeiner kommt dann halt mit der Birne dran. Genial einfach. Einfach genial? Wieder brennt es im belgischen Strafraum, doch diesmal reicht das Löschwasser aus. Nur Marc Wilmots ist weiterhin on fire. Will Griggs nickt ihm verschwörerisch zu und entzündet dabei den Rasen.
Halbzeit Halbzeit. Geile erste Halbzeit. Wir stecken mal kurz die Hände in die Eistruhe und sind gleich wieder für euch da. Vielleicht mit Ed von Schleck, der coolen Sau.
21:55 Uhr Erstmal ne Stärkung.

22 Uhr Halbzeitanalyse mit Oli Kahn. Der hat neulich meinen Artikel via Twitter geteilt. Seitdem höre ich nicht auf, ihn für seine sympathischen Auftritte zwischen 1993 und 2006 zu loben.
46. Weiter Bales... äh, geht's...
47. Was Wilmots wohl in der Pause gesagt hat? Ob er Rudi Masseur zitiert hat? Ebbe Sand? Und ob er wohl von früher erzählt hat, als alles besser, härter und kampfschweiniger war?
50. Belgien jetzt wie verwandelt, erst Lukaku, dann de Bruyne, dann Hazard. Wenn es in der Taktung weitergeht, darf ich in der 70. Minuten einen belgischen Pass beantragen und auch mal aufs Tor schießen.
51. Belgien gerade wie wütendes Rennpferd, das es allen noch mal zeigen will. Fegt über die Bahn, Jockey Wilmots fällt fast vom Rücken, und zack, die nächste Chance. Landet dann aber doch fast in Nachbars Garten: der Schuss von Eden.
52. Lukaku da vorne wie ein Wandschrank, den die wütende Ehefrau gerade aus dem vierten Stock geworfen hat.
55. Radja Nainngolan im Mittelfeld nach wie vor fleißig am Ackern. Hätte der vor ein paar Jahren schon so einen Arbeitsethos gehabt, hätte er »Crazy Town« nie auflösen müssen. Aber uns bleiben ja noch die CDs.
58. Ho-ly Shit. Bzw. Rob-Son-Kanu. Nimmt den Ball im Sechzehner an und macht mit einer unfassbaren Drehung gleich drei Belgier frisch. Eine Drehung, so großartig, dass es jetzt Uhrzeigersinn, gegen den Uhrzegersinn und S.c.h.e.i.s.s auf alles, ich bin Robson-Kanu, ich mach, was ich will«-Uhrzeigersinn gibt. Und dann netzt er zum 2:1. Raack und ich müssen uns erstmal auf den Boden legen. Akutes Schleudertrauma. Und es fühlt sich wunderschön an.
59. Auf der Bank, zwischen all dem hemmungslosen Jubel, sehen wir einen Mann ganz still da sitzen und an seinem Teetässchen schlürfen. Wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man ein spitzbübisches Lächeln. Es ist der walisische Traumtortrainer Matt le Tissier.
60. Und schon wieder wollen die Waliser nicht nach Hause. Was ist denn da los auf der Insel? Nix zu saufen und nur s.c.h.e.i.ß Jobs?
62. Marc Wilmots strengt sich an, sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, er braucht jetzt eine zündende Idee, doch in seinem Schädel dröhnt es nur:
»SCHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAALKEEEEEEE!!!«
66. Mann, da fällt mir ein: Vor dem Turnier wollte ich die große 11FREUNDE-100.000-Euro-Wette machen. Mit einem Euro auf fünf Schwachsinnsdinge wetten, die in der Summe dann 100.000 Euro ergeben. Dazu wollte ich einen Text schreiben und den Wettschein verlosen, weil haha: Niemals zieht Wales ins Halbfinale ein, Mario Gomez wird auch kein Torschützenkönig und so weiter und so fort. Die Idee haben wir dann nie umgesetzt, wie es manchmal im Redaktionsalltag eben vorkommt. Was ich sagen will: Einer von euch ist um 100.000 Euro ärmer. Quasi.
67. Wales spielt wie einer dieser jungen Boxer, die sich mit Leidenschaft fäusteschwingend auf ihre Gegner stürzen, ab und an ein blaues Auge kassieren, aber trotzdem immer wieder in den Infight gehen. Im Moment sogar nach Punkten vorne.
69. Belgien wie ein 16-Jähriger, der vor 20 Minuten eigentlich die Schöne aus der Nachbarklasse treffen wollte, aber immer noch allein vor dem Eiscafé »Romantica« wartet: wird langsam nervös.
71. Foul an Bale, schon wieder. So langsam scheint er genervt.

70. Fellaini spielt gerade so aufgescheucht, wenn man ihn und seine Frisur nicht kennen würde, man könnte denken, sie sei ihm gerade vor Schreck aufgeploppt wie der Kamm eines erzürnten Hahns.
73. »Socar«, schreit die Werbung. Und ich denke an einen (amerikanischen) Roboter, der das erste Mal »Fußball« sagen muss.
74. Jordan Lukaku hat gerade tatsächlich seine erste Flanke in diesem Spiel geschlagen. Hängt ansonsten wirklich ziemlich in der Luft. Air Jordan quasi. Wann kommt Scottie Pippen aus den Katakomben und legt ihm einen Alley Hoop auf?
76. Mit der Körpersprache ist das schon so ein Ding. Wer ist denn nun wirklich aggressiv: der Typ mit der schwingenden Faust oder der stille Unnahbare? Hier gerade folgender Eindruck: Belgien wie ein müder Playboy im Club, der schon merkt, dass er heute keine abbekommt. Wales hingegen mit dem Einsatz eines Bauerlümmels, der kurz davor ist, die heiße Clubbesitzerin klar zu machen.
77. AHHHH!! , an der Tastatur verbrannt. Jetzt beginnt hier nämlich die heiße Phase.
79. Nächste Chance, Ecke Belgien, zweiter Ball Belgien, Flanke Belgien, aber Axel Witsel grätscht daneben. Seine Leistung: Ein schlechter Wits.
80. Noch zehn Minuten. Hat Belgien noch ein As in Marouane Fellainis Haaren?
81. Axel Witsel verschießt. Reich so: »Schneid dir mal die Haare!« Dann öffnet er sich eine Dose Starkbier, schaltet um auf Schimanski und kratzt sich am Sack, während er die Titelhymne von Manta Manta furzt.
83. Gegen Lukaku zu verteidigen, muss so sein, wie früher Serve&Volley gegen Marc Rosset.
85. Belgien drückt, der walisische Strafraum nun belagerter als Raack und ich beim Lagerbier-all-you-can-drink.
86. Unglaublich intensive Zweikämpfe gerade. Dass hier noch kein Spieler zu Staub zermalmt wurde, ist ein Wunder. Wie beim Schulfest des hyperaktiven Rugbygymnasiums.
87. Zweiter Ballkontakt von Sam Vokes, und der geht per Kopfballtreffer direkt ins Herz aller Belgier. Wales steht im Halbfinale, der große Geheimfavorit Belgien muss nach Hause fahren. Ach, das ist so schön. Und ach, das ist so fürchterlich. Fußball, was machst du nur mit uns?
89. Wales gegen Portugal also im Halbfinale. Oder auch: Wer muss wem ein Jahr lang die Maniküre bezahlen? CR7 oder GB11?
90. Gefühle, wo schwer zu beschreiben sind. Wales haut Belgien raus. Mit einem Spiel, so urig-herb wie ein Jever, dass das Verfallsdatum schon überschritten hat. Gegen ganz okaye Belgier mit Havard, De Bruyne und Lukaku. Und zwar verdient. Genau für solche Fußballspiele, hat sich irgendein schlauer Fuchs die Turniere erfunden.
22:55 Uhr Liebe Waliser, die ihr gerade im Eurotunnel feststeckt und nicht beim Spiel sein könnt: ! Ihr habt gerade die größte Sensation in eurer Verbandsgeschichte verpasst. Wales schlägt Belgien 3:1 und unser Herz schlägt ab jetzt für Wales. Und anlässlich dieses Triumphes, anlässlich dieses großartigen Spiels sagen Raack und ich Danke, und zwar auf Walisisch: In diesem Sinne: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoc, oder so. Und jetzt gehen wir uns die Zungen entzerren, vielleicht mit ein paar Bieren, und genießen die Bilder von jubelnden Walisern. Was ihr unbedingt auch machen solltet. Schönen abend. Bzw: Llanfaisonfvnonnggwyngyllgogerytrwllyllfernnsbfsiliogoloctr
Quelle:
http://www.11freunde.de/liveticker/wales-belgien-im-11freunde-liveticker