Schlechte Gastgeber
Meine Denkweise ist nicht mehr so frei und unbeschwert, wie vor einigen Wochen.
Auf wenig bedachte Kommentare, Unfreundlichkeiten aller Art und Lügen reagiere ich schnell relativ unbeherrscht, sauer und kritischer als je
zuvor. Deshalb schwieg ich und sass zur Selbstzensur auf Griffeln und Tastatur.
Die Ereignisse warfen mich nicht nur in eine Talsohle, sondern in ein düsteres, finsteres Loch. Es war ganz in der Nähe der Hölle angesiedelt.
Während Wochen des Psychoterrors tröpfelte bohrend eiskaltes Wasser auf meinen empfindlichen, überhitzten Schädel. Durch die starke
emotionale Belastung schrie ich in nächtlichen Panikattacken und Albträume rissen mich aus dem Schlaf.
Ganz langsam bin ich am Aufarbeiten der Ereignisse. Schleppend dringt etwas Licht in eine eher trüb diffuse Mixtur menschlichen Daseins.
Wir hatten unlängst einen nicht unbedingt pflegeleichten Gast zu betreuen. Wir versuchten unser bestes, was offenbar nicht genügte.
Während fünf Tagen boten wir ihm Unterkunft, Ausflüge und Exkursionen, sowie ein kulinarisches Feuerwerk, von Thai Spezialitäten aus der
Küche und ausgesuchten Restaurants bis zu frischen Früchten and Leckereien vom Grill aus unseren Gärten an. Dazu hatte der Besucher einen
grösseren Vorrat an Schokoladen, Biskuits und Junkfood im Gepäck.
Bereits nach fünf Tagen, am 17. Oktober, ertrug er unsere Bewirtung nicht mehr. Er benötigte zum Überleben in Lanna-Land unbedingt Essen
von KFC, sowie die neueste CD von Shakira. „World Wide release 15. October 2010,“ wie er eindringlich betonte.
Ich zweifelte etwas daran, ob Shakira in so kurzer Zeit den Weg ins eher provinzielle Chiang Mai fand.
KFC sagt im Internet: „Wir versuchen stets alle Gäste zu ihrer Zufriedenheit zu bedienen.“ Bisher bedienten wir die Gäste nicht. Wir strebten
danach, sie zu verwöhnen, was teilweise gelang.
Wir waren mit der Zubereitung von Brathähnchen nach dem Originalrezept von Colonel H.D. Sanders aus Kentucky überfordert und offerierten
deshalb unserem delikaten Gast zwanglosen Transport zu KFC fürs Abendessen, eingeschlossen die anschliessende Rückreise, Shakira
eingeschlossen, in sein freies Quartier. Er nahm mein Angebot nicht zur Kenntnis und antwortete schlicht nicht, nachdem er mich bereits den
ganzen Tag ignorierte.
Drei Stunden nach einem reichlichem Mittagessen, stand Dick in der Küche des Beautysalons und durfte eine zusätzliche Mahlzeit für den
hungrigen Besucher zubereiten. Sie mag es, wenn heisshungrige Gäste ihre Spezialitäten geniessen.
Dieser hatte einen schweren rostigen Hammer und eine scharfe Axt mit einem elegant geschwungenen Griff in seiner Reisetasche. Er zeigte
seine Bewaffnung der Köchin und meinte todernst:
„Wenn Du mich vergiften willst, stirbst du zuerst.“
Solche Worte inspirieren natürlich einen Chef. Das muss ich demnächst nachahmen.
Während dessen unterhielt ich mich bei etwas Wein auf der Veranda mit wesentlich gesprächigeren Gästen. Wir waren ahnungslos, was bloss
dreissig Meter entfernt von uns ablief. Dick präsentierte mir später kurz die unglaubliche Werkzeugsammlung lokalen Ursprungs.
Danach verschwand der vermutlich gesättigte Gast mit seinem Gepäck auf einem der Fahrräder. Er führte, wie wir einen Tag später herausfanden,
ein Dutzend Schlüsselanhänger, etwa zehn Taschenlämpchen und Lampen, achtzehn CD und DVD, einen Laptop, DVD Wiedergabegerät mit
Bildschirm, diverse MP3 Spieler, eine externe 330 GB Festplatte, Netzgeräte, Verbindungskabel, diverse Kopfhörer, USB Hub, ein Pfund Bonbons,
zwei Regenschirme, zwei Telefone, zwei unterschiedliche Besteckgarnituren vom Typ: “Abenteuermahlzeit in der Wildnis“ und neben Axt und
Hammer zwei Pfeffersprays “Made in Germany“ zur Selbstverteidigung mit sich. Diese Sprays wurden in den Flughäfen offenbar nicht beanstandet.
Am Dorfeingang schmiss er unser neueres Fahrrad achtlos ins hohe Gras, trat wütend dagegen und demonstrierte sichtbar seine schlechte Laune.
Möglicherweise funktionierte die Schaltung schlecht oder ein Tröpfchen Öl war da und dort in der Kette festgeklemmt.
Dann versuchte er, von irgend jemandem ein Moped zu mieten. Sein Plan war, damit samt seiner Elektronik nach Bangkok zu reisen. Bangkok
liegt ja gleich um die nächsten zwei, drei Ecken. Der Flieger benötigte für die Strecke nur eine gute Stunde.
Die angesprochenen Dorffrauen telefonierten sogleich Dick, als sie den drängelnden Kunden identifizierten. Eine Vermietung fand wegen unserer
engherzigen Auslegung, der Mann hatte weder Ausweise noch Erfahrung im Umgang mit Motorfahrzeugen, nicht statt.
Als wir mit unseren Gästen kurz nach sechs Uhr zum Essen aufbrachen, war unser spezieller Kostgänger, den wir gemäss Verabredung in die
Fressbude seiner Wahl bringen wollten, nicht aufzufinden. Er war und blieb längere Zeit verschollen. Telefonisch war er trotz Thai SIM Karte
nicht erreichbar.
Nach der Rückkehr von unserem Lanna-Abendessen fand Mowgli den Bauchbeutel des Vermissten mit Pass und vielen Farang-Banknoten auf
der Strasse vor dem Beautysalon. An flatterndes Papiergeld gewöhnte sich Mowgli in den vergangenen Tagen, weil unser Spaziergänger in der
nächtlichen Finsternis jeweils den Garten des Gästehauses, Bäume und Sträucher reichlich mit Geldscheinen zu dekorieren pflegte. Wie Obst
sammelte der Knabe in den frühen Morgenstunden den Geldsegen ein, um ihn später zwecks Recycling dem Eigentümer wieder auszuhändigen.
An all diesen und folgenden unglücklichen Ereignissen trage ich die alleinige Schuld und Verantwortung. Dies ist jedenfalls die felsenfeste
Überzeugung unseres betrübt beleidigten Klienten.
Die Fortsetzung lesen sie komischerweise in:
http://forum.thailand-tip.com/index.php?topic=1225.msg148325#msg148325