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Autor Thema: Allerhöchste Namen  (Gelesen 473 mal)

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hmh.

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Allerhöchste Namen
« am: 14. August 2026, 19:08:06 »

Kleine Vorbemerkung:

Schon als ich noch keine Thai-Silbe entziffern konnte, nervten mich die Zungenbrechernamen der allerhöchsten Kriegshordenführer, Könige, Usurpatoren, Nebenkönige, Prinzen, Hauptfrauen und Mätressen aus dem alten Siam und dem modernen Thailand gleichermßen. Egal, ob diese Namen, wie meistens, nur von Langnasen ehrfurchtsvoll ausgehaucht werden und auch egal, auf welchem พระที่นั่ง Phra Thi Nang, dem "heiligen Sitz" im Vorderern Palast (Wang Na), im Hauptpalast (Wang Luang) oder im Hnteren Palast (Wang Lang) oder was-weiß-ich-wo-die-mit-ihrem-allerhöchsten-Allerwertesten-auf-welchem-allerheiligsten-Feigenholzthron-saßen.

Für mich klang das schon immer irgendwie hochgestapelt, seit ich die ersten dieser Namen mühevoll entschlüsselt hatte. In den ersten zehn Jahren, als ich Thai lernte, fand ich diese heiße Luft nur ganz selten. In Thai-Deutschen Wörterbuchern sind diese Begriffe nirgends zu finden. Nie. Auch in den umfangreichsten Thai-Englischen Dictionarys fand ich nur wenige Treffer.

(Nicht mehr ganz neue, aber immer noch hilfreiche Wörterbuch-Tipps hier: https://www.phakinee.com/dictionary-english-thai-german-woerterbuch-thai-deutsch/).

Diese Namensdichtungen konnte oder wollte mir niemand erklären, Hochschulprofessoren und bekannte Mitglieder der Thai-Deutschen Kulturgesellschaften eingeschlossen. Bis ich Dr. S*** O***, damals eine Teilnehmerin der Tagungen des königlichen Sprachinstituts im Bangkoker Hauptpalast kennenlernte, die tatsächlich Pali und Sanskrit fließend beherrschte und mir als erstes gleich schon mal die für das Thai-Studium sehr wichtigen Unterschiede der Herkunft von Wörtern aus dem alten Khmer, Pali und Sanskrit erklärte. Als zweites brachte sie mich durch ihre souveräne und aus dem Stegreif erfolgte Erklärung des vollen Namens des damaligen Königs ภูมิพล อดุลยเดช pu: mí¿ pon ?à¿ dun lá¿ já¿ dê:d. Phumiphon Adunlajadet zum Staunen (hier nur die Kurzform, wohlgemerkt!)m und drittens gab sie mir auch noch den entscheidenten TIP, in welchem exotischen, ja damals fast geheimen Wörterbuch ich endlich die meisten dieser Zungenbrecher finden würde.

Von Thais werden die hohen Namen ihrer Herrscher selbstverständlich so gut wie niemals ausgesprochen, sondern in aller Regel entweder kunstvoll umschrieben oder mit einem ชื่อเล่น Chue Len, einem Spielnamen versehen.  Im ungezwungenen Gespräch hört man dann zum Beispiel -- das ist tatsächlich häufig der Fall -- einfach englisch "King", womit alle denkbaren Fettnäpfchen für Thais in ihrer eigenen Sprache schon von vornherein elegant aus dem Weg geräumt sind.

Zwar kommt heutzutage angeblich kein Thai mehr einen Kopf kürzer aus der Audienz, wenn er es gewagt hat, seinem allerhöchsten Herrscher absichtlich oder versehentlich ins Antlitz geblickt zu haben. Aber bei der Tradition, daß man als Somchai Normalthai den Namen eines Gottkönigs besser nicht ausspricht, ist es geblieben.

Es ist ja viel zu kompliziert, kopfwehverdächtig sowieso, und obendrein droht Gesichtsverlust, wenn auch nur eine Silbe falsch gesprochen oder gar vergessen würde. Vor allem wenn noch jemand dabei ist, von dem man fürchten könnte, daß er es besser wüßte.

Nein, traditionell war der Name eines Thai Herrschers schon immer so hoch und heilig, daß es überhaupt keinem normalen Untertanen erlaubt war, ihn auch nur ehrfurchtsvoll-zitternd auszuhauchen. Das galt jedenfalls strikt zu Lebzeiten dieser Herrscher, seit man sich in Ayutthaya das Gottkönigtum des alten Angkor übergestülpt hatte, nach der Niederwerfung und Plünderung dieses kulturell bis dahin höherstehenden Reiches.

Nachfolgend versuche ich, wenn ich die Zeit finde, nach und nach ein paar dieser Namen, die mir in den vergangenen 40 oder so Jahren immer wieder untergekommen sind und mich besonders interessiert haben, in ihre Bestandteile zu zerlegen und vielleicht sogar zu erklären.

Bei den in Thai geschriebenen Namen und ihren Transliterationen habe ich nicht die zeitgenössischen Schreibweisen und Transliterationen verwendet, wie man sie sie zum Beispiel im Tagebuch des Kosa Pan von 1686 oder in alten Missionsberichten findet, sondern die heute gebräuchlichen Schreibweisen. Nicht nur von frühen europäischen Besuchern, sondern auch auf Thai wurden diese Begriffe seinerzeit oft verwirrend anders geschrieben als heute. Um beide Versionen und eine brauchbare Übersetzung überhaupt aufzufinden, ist mir vor allem das großartige Dictionarum Linguae Thai von 1854 seit vielen Jahren unentbehrlich (näheres hier: https://forum.thailandtip.info/index.php?topic=5366 ). Fehler bitte nicht behalten, sondern mir mitteilen.
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hmh.

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König Narai (1632-1688)
« Antwort #1 am: 14. August 2026, 19:09:24 »

In den Lexika steht er geradezu bemitleidenswert schlicht als สมเด็จพระนารายณ์มหาราช Somdet Phra Narai Maharat, was dann meistens an gleicher Stelle noch gewöhnlicher als "König Narai der Große" übersetzt wird. Dabei wäre "Seine Majestät der geheiligte Großkönig..." für สมเด็จพระมหาราช Somdet Phra Maharat... ja wohl das Mindeste an korrekter Übersetzung, was man als monarchietreuer Thai gerade noch durchgehen lassen dürfte.

Jedenfalls ist sein heute gebräuchlicher Name nur ein matter Abglanz des tatsächlichen Herrschernamens zu seiner Zeit, Man findet für Narai auch gelegentlich den Namen Ramathibodi III., den man am besten gleich wieder vergißt, denn Ramathibodi nannte sich schon der erste König von Ayutthaya -- und nach ihm gefühlt fast jeder zweite Usurpator, der im alten Siam eine neue Dynastie begründete. Oder er wurde später so benannt. Ingesamt gab und gibt es nach meiner Zählung 13 Ramathibodis in Ayutthaya und Bangkok. Der derzeitige König Wachiralongkon, der zehnte Chakkri, ist zugleich der dreizehnte "Ramathibodi". Fast alle Thai Herrscher teilten und teilen heute immer noch die Obsession mit Rama, des siebten Avatars des Hindu Gottes Wischnu, in dessen Tradition und mythologischer Nachfolge sie sich als perfekte Gottkönige sehen -- und übrigens auch als Nachfolger von Wischnus weiteren Inkarnationen: Krischna, der achte, und Buddha, der neunte Avatar des mächtigsten Hindu-Gottes und Weltretters.

Thailändische Namen sind gerade für Thais selbst oft Schall und Rauch und das schließt die Könige mit ein.

Bis zur Herrschaft König Mongkuts, des vierten Chakkri, unterschrieben nicht einmal Siams höchste Gottkönige ihre Mitteilungan an andere hohe Herrscher und Potentaten mit einem tatsächlichem Namen.

"König Narai der Große" (1632-1688), herrschte ab 1658, nachdem er innerhalb weniger Wochen seine beiden Vorgänger -- erst seinen Bruder und dann noch seinen Onkel -- in einen Sack stecken und mit Hartholzknüppeln totprügeln ließ. Als erwiesener Schöngeist, der er danach offenbar wurde, korrespondierte er unter anderem mit dem Sonnenkönig Ludwig XIV, und ließ die von seinen Skribenden verfaßten Briefe nach Paris schlicht und bescheiden mit Grand roi du royaume d'Ayutthaya ("Großkönig des Königreichs Ayutthaya") unterzeichnen.

Zugleich wurde aber sein persönlicher Gesandter Kosa Pan wie folgt unterrichtet:

Zitat
Wenn man Euch nach dem Namen des Königs fragt und wie er angeredet wird (...), antwortet Ihr, daß er bei seiner Krönung สมเด็จพระนารายณ์ราชาธิราชชาติสุริยวงศ์ Somdet Phra Narai Rachathirat Chad Suriyawong genannt wurde. Nachdem er gekrönt war, hieß er สมเด็จพระมหากษัตราธิราชสยัมภูญาณ Somdet Phra Maha Kasattrathirat Sayam Phu Ya. Wenn er aber anderen Königen schreibt, nimmt er einen weiteren Namen an, der alle seine Vorzüge umschließt.

Und gleich in einer nächsten Instruktion hieß es:

Zitat
Sollte man Euch drängen, den Namen des Königs zu nennen und zu erläutern, so sagt, daß alle Wörter, aus denen er sich zusammensetzt, dem Pali entstammten und sehr schwierig seien; fügt hinzu, ihr fürchtet, ihm nicht gerecht werden zu können, und würdet daher (schon) beim Versuch, dies zu tun, einen Fehler begehen.
Quelle: Dirk van der Cruysse: The Diary of Kosa Pan (...), Chiang Mai: Silkworm 2002, 5 f.

Fehler im Zusammenhang mit dem König zu machen war damals sehr oft tödlich.

In diesen zusammengesetzten hohen Dichtungen ist Narai (von Sanskrit Narayana) der einzige tatsächliche Name, wobei es sich um eine der vielen Varianten des Hindu-Gottes Wischnu handelt, mit dessen Aura sich schon die Gottkönige in Angkor gerne schmückten. Alle anderen Bestandteils sind entweder hohe Floskeln wie zum Beispiel in der oben stehenden ersten Variante seines Herrschernamens
ราชาธิราช Rachathirat (= „König der Könige“) oder sie weisen auf die allerhöchste Herkunft hin. Schon Narais Vater Prasat Thong schmückte sich zeitweise mit dem indischen Namen สุริยาวงศ์ Suriyawong (nach dem Hindu-Gott der Sonne, Sanskrit: Sūrya und vaṃśa: „Geschlecht“, „Linie“, „Dynastie“).

Die Namensbestandteile der nach Narais Krönung gültigen, zweiten obenstehenden Dichtung:

สมเด็จพระมหา Somdet Phra Maha: das ist der höchstmögliche königlich-sakrale Titel („Seine Majestät der geheiligte, der Große...“).

กษัตราธิราช Kasattrathirat: Herrscher (von Sanskrit Kshatriya) und König der Könige.

สยัมภูญาณ Sayam phu yan (von Sanskrit: Svayambhu) „der aus sich selbst heraus entstandene“ oder „der Selbstseiende“: ein Wesen, das die höchste Wahrheit aus eigener Kraft – ohne Lehrer – erlangt hat. Dazu Pali und Sanskrit Yana, das „höchstes Wissen“, „Erkenntnis“ oder „allwissende Weisheit“ bedeutet

Zusammengefügt war Somdet Phra Maha Kasattrathirat Sayam Phu Ya, worin der eigentliche Name nicht vorkommt, der absolute, formelle Hoheitsbegriff für einen allerhöchsten souveränen Herrscher. Daß Kosa Pan diese in einen Namen gepreßte Heldendichtung über seinen König als Instruktion für den französischen Hof erhielt, mußte ja wohl den Europäern unmissverständlich klarmachen, dass der König von Ayutthaya ein mächtiger Großkönig auf Augenhöhe mit dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. war.

Dabei ist Narai übrigens eine Ausnahme unter Siams Königen, weil er tatsächlich schon gleich nach der Geburt diesen Namen trug und lebenslang behielt. Die Familie soll der Legende nach, als sie den neugeborenen Säugling erblickte, für einen kurzen Moment gesehen haben, daß das Baby vier Arme gehabt hätte, einen Augenblick später seien es dann aber doch wieder zwei ganz normale Arme gewesen.

Legende hin oder her, Vater Prasat Thong, sah darin jedenfalls ein göttliches Omen und war überzeugt, dass sein Sohn eine Inkarnation des vierarmigen Gottes Wischnu sei. Darum hieß der Neugeborene in der Familie vom ersten Tag an bereits Chao Fa Narai. (Chao Fa = Sohn bzw. Kind des Himmels; das ist die in Thailand heute noch gültige Bezeichnung für Kinder eines Königs)

© 2026 hmh.
« Letzte Änderung: 14. August 2026, 19:15:16 von hmh. »
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WhiteSandBeach

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Re: Allerhöchste Namen
« Antwort #2 am: 14. August 2026, 19:55:38 »

Ich hab das immer bewundert wie versiert manche im Thai auch schriftlich sind.
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hmh.

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Re: Allerhöchste Namen
« Antwort #3 am: 14. August 2026, 23:09:21 »

Thai lesen und schreiben zu lernen ist nicht schwer, vor allem dann nicht, wenn man es von Anfang an zusammen mit dem Sprechen und Hören lernt. Insofern gilt immer noch, was ich darüber vor 17, 18 Jahren schrieb, zum Beispiel hier: https://forum.thailandtip.info/index.php?topic=4017.0

Darüber hat mancher geschmunzelt, aber es stimmt.

 In Thai ist die Aussprache aller Konsonanten und Vokale genau definiert, Ausnahmen kann man an einer Hand abzählen. Es gibt insofern keine Ausspracheprobleme in Thai wie etwa im Französischen oder Englischen. Auch die Töne sind in jeder Silbe exakt definiert, das lernt man schnell.

Aber natürlich nur theoretisch!

Man erkennt zwar schon nach kurzer Lehrzeit automatisch den Ton einer auf Thai geschriebenen Silbe und kann ihn benennen.

Aber tatsächlich Thai korrekt zu sprechen ist leider für die meisten von uns ein anderes Kaliber, das man als Nicht-Muttersprachler kaum jemals wirklich meistert, wenn man nicht ständig unter Thais lebt und arbeitet. Ich kann Thai lesen und schreiben, mit Hilfe guter Wörterbücher und meiner lieben :-* auch mal ein oder zwei Absätze übersetzen, aber ich würde nie behaupten, nie, daß ich Thai gut sprechen könnte.

Das ist aber auch nicht nötig.

(OK, vielleicht ein paar Floskeln oder mit Hilfe der holden Gattin auswendig gelernte Sätze, die krieg ich fast immer hin.)

Aber seien wir ehrlich:
In den allermeisten Fällen im täglichen Leben, wahrscheinlich zu 99 Prozent, ist das rudimentäre Englisch einer beliebigen Thai-Straßenbekanntschaft immer noch besser und vor allem für alle, die es betrifft, viel einfacher verständlich, als wenn einer von uns Langnasen anfängt, auf Thai zu radebrechen.
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waninger

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Re: Allerhöchste Namen
« Antwort #4 am: Gestern um 16:07:51 »

Ja,thai lesen zu lernen ist nicht allzuschwer,aber Sätze auf thai zu formulieren ist schon eine Herausforderung für sich,was sicher auch mit daran liegt,dass viele Wortsilben verschiedene Bedeutungen in der Übersetzung aufzeigen und nur durch den Einbau von Klassifikatoren in der Satzbildung eineindeutiges Verständnis in einen Dialog bringt.
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Dinu71

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Re: Allerhöchste Namen
« Antwort #5 am: Gestern um 17:37:51 »

Treffend formuliert.
Thai zu lesen oder bzw. zu entziffern lernt man mit den Jahren. Das aber auch schreiben zu können ist eine andere Liga.
Das selbe gilt mit dem Verstehen. Ist wesentlich einfacher als es korrekt auszusprechen.

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Dinu71

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Re: Allerhöchste Namen
« Antwort #6 am: Gestern um 17:42:03 »

Und dann noch hier im Norden. Wo sie Lanna sprechen.  Eigene Sprache. Nicht  wie fälschlicherweise angenommen ein Thai-Dialekt.
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